Frida Rojas ist aus Buenos Aires angereist, um über die Lage der
Indígenas
in den Großstädten zu sprechen. Doch sie stellt sich nicht als Argentinierin vor, sondern als Quechua, Teil eines Volk, das heute in sechs verschiedenen Ländern lebt. Sie erzählt von der
Stadt als einem "Friedhof der Sprachen", auf dem die Eingewanderten von ihrer Geschichte und Identität getrennt werden. Dass Lateinamerika aber kein solcher Friedhof, sondern ein Ort ist, an
dem dutzende indigene Kulturen lebendig sind, das ist die Botschaft von Vertretern aus zehn Ländern auf den "3. Arbeitsgesprächen Mesoamerika und die Anden".
Die Lage in Bolivien
"Die historischen Widersprüche sind nicht zu Ende, sie brechen wieder auf", sagt Pablo Mamani aus Bolivien. Er meint die enttäuschte Hoffnung seiner Landsleute auf die Anerkennung der
verschiedenen Ethnien, die in Präsident Evo Morales - selbst "Indio" - eine Symbolfigur gefunden hatte. Bolivien ist dieser Tage weltweit in den Nachrichten, weil sich Gemeinschaften von
Indígenas dem Bau einer Schnellstraße durch einen Nationalpark widersetzen. "Es geht aber nicht nur um eine Straße, sondern um Kampf der ansässigen Völker für ihre Rechte", betont Mamani.
Gemeinden aus den Anden und dem Amazonasgebiet seien zum ersten Mal zu politischen Akteuren auf nationaler Ebene geworden.
Dieses neue Szenario stelle die Menschen vor eine entscheidende Frage: "Wollen wir weiter den Regierungen vertrauen oder unsere eigene Geschichte fortsetzen?" Mamani, der selbst einer in
den Anden lebenden Minderheit angehört, berührt den Kern einer Debatte, die in verschiedenen Ländern Südamerikas geführt wird. Obwohl linke Parteien in Bolivien, Venezuela und Brasilien mit
Programmen des "nationalen Fortschritts" Wahlen gewonnen haben, hat sich nicht viel getan für die indigene Bevölkerung. Und die ist groß: in Peru und Guatemala sind knapp 70 Prozent der
Einwohner Indígenas, in Bolivien etwa die Hälfte.
Vertreibung und Enteignung
Ein Beispiel für ihre Diskriminierung und Rechtlosigkeit gibt Manuel Rozental aus Kolumbien: "Unter dem Vorwand des Kampfs gegen Kriminalität und Drogenhandel vertreibt das Militär die Bevölkerung aus ihren Dörfern, um das freie Gebiet internationalen Unternehmen zur Verfügung zu stellen." Diese Enteignung geschehe auf den Wunsch insbesondere von Bergbau- und Ölfirmen, die von der Regierung Konzessionen für die Ausbeutung der Rohstoffe in großen Landesteilen erhielten. "Es gibt keine Enteignung, weil Krieg ist; es ist Krieg, damit es Enteignung gibt", so Rozental.
Für das Nachbarland Peru zeigt Magdiel Carrión eine Karte, auf der die Konzessionen zu sehen sind. Sie ist nahezu einfarbig. Carrión trägt die traditionelle Kleidung seines Volksstamms,
eine bunte Weste und einen schwarzen Hut. Er spricht ruhig, aber entschlossen: "Peru ist sehr reich an Mineralien. Ohne die Bevölkerung zu befragen, wurde unter dem Motto wirtschaftlichen
Wachstums der Bergbau vollständig liberalisiert." Als sich 2005 Indígenas wehrten, ihr Land zu verlassen, kamen zwei Menschen ums Leben und 140 wurden verletzt. Carrión wurde als Terrorist
bezeichnet, weil seine Gemeinde angeblich einen eigenen Staat errichten wollte. Die Kriminalisierung ihres Protests, so auch die anderen Konferenzteilnehmer, sei ein wesentliches Instrument der
Ausgrenzung.
Gehorchend Befehlen
Der Kampf der Indígenas für Autonomie sei ein Kampf für die Selbstregierung, sagt Carrión: "Seit Jahrhunderten finden wir Lösungen für unsere Probleme in unseren Gemeinschaften. Es gilt
das Prinzip des gehorchenden Befehlens." Dieses Prinzip, demzufolge die politischen Repräsentanten direkt der Bevölkerung verpflichtet sind, ist charakteristisch für viele indigene Ethnien in
Lateinamerika. Das Wort "Autonomie" existiert in den meisten ihrer Sprachen allerdings gar nicht, wie Xóchitl Leyva aus Mexiko erklärt. Aber die Idee, die sie so übersetzen würde: "Das, was wir
in einem gemeinsamen Herzen erreichen."
Der Großteil der Teilnehmer der Konferenz sind Mexikaner, nicht zuletzt weil im Gastgeberland selbst zahlreiche Konflikte zwischen Ureinwohnern und Regierung existieren. So auch der
Anwalt Francisco López, der eine These präsentiert: "Die massiven Vertreibungen und die verschärfte Unterdrückung der indigenen Völker haben mit einem Wandel des Kapitalismus zu tun. Er setzt
nicht mehr vorrangig auf die Ausbeutung der Arbeitskräfte, sondern auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen." López berichtet, wie unter der Regierung von Vicente Fox 28 Prozent der Minen
verkauft wurden und wie mit dem Argument der Qualitätssicherung heute die gesamte Wasserversorgung privatisiert werden soll.
Einheit von Mensch und Natur
Welche Perspektiven haben die indigenen Völker in dieser als aussichtslos erscheinenden Situation? Eine Überzeugung ist den Diskutanten von Mexiko bis Argentinien gemeinsam, Noemy
Domínguez aus Peru fasst sie in Worte: "Der Mensch ist weder ein Ding noch ein Objekt, sondern Leben und Hoffnung." Denn in dieser Weltanschauung verleiht die Natur - ob "Mutter Erde" bei den
Mayas oder "Pachamama" bei den Quechuas - den Menschen Leben. Wer sie zugrunde richtet, richtet sich selbst zugrunde. Diese Überzeugung, so die Teilnehmer, sei unvereinbar mit dem
Neoliberalismus, dem sich auch ein Präsident wie Evo Morales nicht entziehen könne. Deshalb kämpfe man als Gemeinschaft weiter für Anerkennung, Recht und die Rückgabe der "gestohlenen" Gebiete.
Die Bewahrung der indigenen Kulturen wäre mehr als nur ein Akt der Toleranz. Die Debatten, die heute um Begriffe wie Nachhaltigkeit und Bürgergesellschaft in den westlichen Demokratien geführt wurden, haben bei den Indígenas eine jahrhundertealte Tradition - als eine konkrete Lebensform. Ein mexikanischer Student tritt vor das Mikrofon und zieht sein persönliches Fazit: "Wir brauchen nicht nur einen Dialog der Wörter, sondern des Herzens."







