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„Geldgier hört niemals auf“

Marisa Strobel • 15. October 2011

"Fressgier hört irgendwann auf, Geldgier nie." Ulrich Wickert und Sigmar Gabriel am vorwärts-Stand. Foto: Kai Doering
"Fressgier hört irgendwann auf, Geldgier nie." Ulrich Wickert und Sigmar Gabriel am vorwärts-Stand. Foto: Kai Doering

"Wirtschaft ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, aber er kann sich nicht von den gesellschaftlichen Regeln befreien." Damit eröffnet der frühere ARD-Reporter Ulrich Wickert die Diskussion über sein jüngst erschienenes Buch "Redet Geld, schweigt die Welt". In diesem geißelt Wickert den Wertefall in der Wirtschaft. Er ist der Überzeugung: "Man muss Finanzwirtschaft genauso regeln wie die Realwirtschaft."

Dieser Meinung folgt auch Sigmar Gabriel: "In den letzten Jahren ist klar geworden, dass der Markt stärkere Regeln braucht." Selbstkritisch gibt der SPD-Chef zu, dass auch die Sozialdemokratie eine Mitschuld an der Entfesselung der Märkte trage: "2005 galt das Motto: Weg mit den Tarifverträgen, weg mit dem Kündigungsschutz. Das haben wir als SPD nicht mitgetragen. Aber all die giftigen Produkte an den Finanzmärkten, den Teil haben wir mit zugelassen", bedauert Gabriel.

Ende des Marktföderalismus

Jahrzehntelang habe das Credo "Markt vor Staat" geherrscht, erklärt Gabriel die Entwicklung. Auch in Europa habe sich die Politik der Lehre angenähert, die mit der Schule der "Chicago Boys" begonnen habe. Die Ökonomen waren bereits in den 1970er Jahren von der Überlegenheit freier Märkte überzeugt und plädierten für Privatisierung und Deregulierung der Märkte. "Die Verbreitung der Ansicht, jeder sei für sich selbst verantwortlich, ist natürlich praktisch: Dann macht man niemand anderen für sein Schicksal verantwortlich. Das hat dazu geführt, dass man keinen Widerstand seitens der Gesellschaft befürchten musste", kritisiert Gabriel diese Wirtschaftslehre. Allerdings scheint Besserung in Sicht: "Ich glaube , dass die Epoche des Marktföderalismus jetzt vorbei ist", sagt Gabriel - auch mit Blick auf die aktuellen Protestbewegungen "Occupy Wall Street" und "Occupy Frankfurt".

Gier sei im Zusammenhang mit der Entfesselung der Finanzmärkte ein zentraler Antrieb gewesen. Lange Zeit galt er gar als positiv. Doch Buchautor Ulrich Wickert warnt: "Fressgier kann man besiegen, wenn man satt ist. Aber Geldgier hört nie auf." Als Lösung plädiert Wickert deshalb für die Finanztransaktionssteuer und ein Verbot des Devisenhandels: "Man muss die Spekulation mit dem Euro verbieten", fordert er. Auch Gabriel kritisiert: "Für alles gibt es Steuern, nur für Finanzmarktprodukte nicht. Das muss geändert werden." Er ist sich sicher: "Die Transaktionssteuer kommt."

Ein Buch mit Langzeitwirkung

Eine veränderte Gesetzeslage allein reicht jedoch nicht, ist Gabriel überzeugt. Auch der Wertemaßstab müsse sich wandeln: "Daraus ergeben sich dann auch moralische Spielregeln", sagt der SPD-Chef und wünscht sich künftig wieder mehr verantwortliches Handeln. Dafür sei es wichtig, die Köpfe der Menschen zu erreichen. Gabriel setzt dabei auf Wickerts Buch: "Das liest man an einem Wochenende durch und ist noch monatelang später sauer. Genau diese Langzeitwirkung ist wichtig für einen gesellschaftlichen Wandel."

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