Von Revoluzzertum keine Spur. "Ich habe versucht alles richtig zu machen, war ein strebsames Mädchen", sagt Katja Kullmann, Jahrgang 1970. Sie hat studiert - als erste in ihrer Familie - hat sich dem Journalismus zugewandt. Ein guter Plan, wo doch allerorten empfohlen wurde "Mach doch was mit Kommunikation". Und ein Plan der aufging. Frei, fest angestellt, viel gelobte Texte, der Bestseller "Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein." "Ich gehöre zur Flexibilisierungsgeneration", sagt Kullmann. Alles kann, nichts muss. Sie hat fest daran geglaubt, dass jeder seines Glückes Schmied sei.
Dann kam der Absturz, dann kam Hartz IV. Es ging dann auch wieder aufwärts, Festanstellung, Buchveröffentlichung, selbstgewählte Freiberuflichkeit. Doch Kullmann ist sich sehr bewusst, dass sie zwischen Selbstausbeutung und systemischer Ausbeutung lebt. Sie hat sich auch bewusst gemacht, dass sie dem Fensterputzer an der Büroscheibe näher ist, als dem Chef hinter dem Mahagony-Schreibtisch. Sie erleben die gleiche ökonomische Ausbildung und der Universitätsabschluss hebt sie auf keine andere Ebene, macht sie nicht zu etwas Besserem.
"Das ärmer werden ist in der Gesellschaft spürbar"
Menschennahe Dienstleistungen - der Bereich der Kunst, der Geisteswissenschaften, der Pflege - diese Dienste an Menschen seien schlechter bezahlt als wirtschaftsnahe Dienstleistungen, sagt Barbara Hendricks. Chemiker und die Chemikerin bekommen mehr als der Pfleger und die Pflegerin. Allerdings: Auch innerhalb einer Branche sind die Unterschiede eklatant. Feie Journalisten kriegen so absurd viel weniger als die altgedienten Ressortleiter. Doch es sind nicht nur die sogenannten Kreativberufe, da sind Hendricks und Kullmann einig.
Man baue keine Haus, kriege kein Kind, wenn man nicht wisse ob man im nächsten Jahr noch Arbeit habe, erklärt die Journalistin. Dabei sei es die Masse, die viel zitierte gesellschaftliche Mitte, die die nötigen Produkte und Dienstleistungen für diese Generation stelle. "Die prekär gewordene Mittelschicht", sagt sie. Eine Gefahr, denn: "Die Mitte trägt auch unsere Demokratie", sagt Hendricks.
Ein Solidaritätsproblem
"Das Ärmerwerden ist in der Gesellschaft spürbar", sagt Kullmann. Schwimmbäder werden geschlossen, Schulen auch. Es werde gesamtgesellschaftlich abgebaut. "Früher", sagt sie, hätten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Kosten für die Allgemeinheit geteilt. Unter der rot-grünen Bundesregierung seien die Arbeitgeber ausgestiegen, als "Privatisierung der Lebensrisiken" sei das verkauft worden. Und jetzt? Jetzt haben wir ein Solidaritätsproblem, sagt Katja Kullmann. Die vielen Freien, die Freelancer in allen Berufsfeldern, die müssten neue Formen der Solidarisierung finden, sie seien nicht in den großen Gewerkschaften organisiert. Aber um die Macht als Masse zurückzugewinnen, könne die alte Idee des Verbandswesens neu aufstellen.
"Alte Gewissheiten werden nicht zurückkommen", sagt Hendricks. Aber: Die Politik sei an einem Punkt angekommen, an dem klar sein, dass es so nicht weitergehen könne. Sogar die Konservativen merken, dass etwas nicht stimme mit diesem System, betont Kullmann.







