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Der Ekel im Abseits

Nils Michaelis • 13. October 2011

„My Home is my castle“: Joseph (Peter Mullan). Quelle: Kino Kontrovers
„My Home is my castle“: Joseph (Peter Mullan). Quelle: Kino Kontrovers

Hat man im Kino jemals so ein Gebräu aus Armseligkeit und Aggression erlebt? Selbst denen, die meinen, mit britischen Sozialdramen einigermaßen vertraut zu sein, macht es Regisseur Paddy Considine alles andere als leicht, sich mit seinen Figuren anzufreunden. Um die Empathie des Publikums um ein Weiteres auf die Probe zu stellen, lässt er in seinem Langfilm-Debüt zwei Persönlichkeiten aufeinander treffen, die gegensätzlicher nicht sein könnten.

Joseph (Peter Mullan), ein vereinsamter und verwitweter Alkoholiker, ist einer der vielen Abgehängten im nordenglischen Leeds. Viel gibt er nicht von seinem Vorleben preis. Doch schnell wird klar, dass er nicht zu jenen gehört, die vom Wandel der einstigen Stadt der Tuchmacher und Maschinenbauer zur Banken- und Dienstleistungsmetropole profitieren. Zumindest diese Erfahrung teilt der Mann in Mantel und Jogginghose mit seinen Vorstadt-Nachbarn.

Chronisch gewalttätig

Ansonsten hält sich die Solidarität untereinander in Grenzen. Kleine Streitereien genügen, um hemmungsloser Gewalt freien Lauf zu lassen. Verhaltensforscher wissen: Eskaliert ein Konflikt, werden die Mittel immer primitiver. So auch in Leeds: Es bersten Schaufensterscheiben. Nach dem Pubbesuch wird man im eigenen Vorgarten krankenhausreif geprügelt. Der ungeliebte Nachbarshund stirbt durch den Cricketschläger - und der einzige Freund an Krebs. Und doch auch diese garstige Welt ist, ganz nach Art des Genres, nicht frei von Komik.

Kein Wunder also, dass Hannah (Olivia Coleman) mäßig überrascht ist, als sie eines Morgens ihren Wohltätigkeitsladen aufsperrt und dabei fast über den blutenden Joseph stolpert. Bei einer Tasse Tee bekommt Joseph das, was er seit Jahren vermisst: Zuwendung, Trost und das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein.

Wandel durch Annäherung

Es ist wohl vor allem Hannahs Standhaftigkeit zu verdanken, dass diese Annäherung überhaupt in Gang kommt. Denn Joseph lässt auch bei den folgenden Besuchen keine Gelegenheit aus, sie zu kränken, indem er sich über ihren christlichen Missionsdrang oder ihre Eheprobleme lustig macht. Die beiden scheint von Anbeginn an etwas zu verbinden, wofür es keine Worte gibt - dennoch spürt auch der Zuschauer, dass es wächst.

Denn auch Hannah ist ein geprügelter Hund. In Joseph findet sie neuen Halt. Ausgerechnet dieser abgerissene Bärbeiß bildet ihren einzigen Hoffnungsschimmer in einem Alltag voller Sadismus und Bigotterie: Das schmucke Eigenheim weit oberhalb der Vorstadt birgt eine Ehehölle, die schlimmste Albträume wahr werden lässt. Eines Tages wagt Hannah den Ausbruch - um den Preis, die tiefe, aber diffuse Beziehung zu Joseph mit einer schweren Hypothek zu belasten. Dennoch sieht sie ihm nun souveräner ins Auge als jemals zuvor.

Schlafzimmer-Wahn

Auch wenn der deutsche Untertitel ("eine Liebesgeschichte") anderes vermuten lässt: Weder entwickelt sich die Beziehung zwischen Joseph und Hannah vorhersehbar noch lässt sie es einen warm ums Herz werden. Dazu bieten allein die Protagonisten wenig Anlass. Trotz der ungewohnten Zuwendung kann Joseph nicht raus aus seiner Haut. Einerseits bereut er die rohe Art, mit der er einst seine übergewichtige Frau traktierte - deren Spitzname erinnert an einen fleischfressenden Dinosaurier. Andererseits geistert der Ruhelose des Nachts mit dem Cricketschläger durchs Schlafzimmer.

Trotz dieser Schatten über dem eigentümlichen Glück gelingt es Considine, seine Hauptfiguren zum Zentrum einer psychologischen Gegenwelt inmitten eines Meeres aus Brutalität und Gleichgültigkeit zu machen. Mullan - bekannt aus Ken Loachs "My Name Is Joe" - verleiht Joseph eine physische Präsenz, die einen förmlich erdrückt: So durchdringend sind seine Wut und Verzweiflung. Doch die Dynamik seinesinneren Chaos' ist nur zu erahnen - was nicht minder für Hannah gilt. Indem die Erniedrigte aufhört, sich zu belügen, lässt sie etwas von der Kette, das sie kaum zu durchdringen scheint. Colman übersetzt diese Reise zu sich selbst in verstörende, große Kunst.

Am Ende spendet kein bestimmtes Milieu Erlösung, sondern das Vertrauen zweier Individuen in ihr Mikro-Bündnis. Allein das ist ihr Weg, sich gegen einen allmächtig scheinenden Kontext und damit auch gegen eigene Hemmnisse und Ängste zu wehren. Es liegt an jedem selbst, diese Moral ermutigend oder beunruhigend zu finden.

Kinostart: 13. Oktober

Info:

Tyrannosaur - eine Liebesgeschichte (Großbritannien 2011), Regie: Paddy Considine, mit Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan u.a., 89 Minuten, OmU.

www.tyrannosaur.kinokontrovers.de

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