Seit einem Jahr arbeitet der Verein "Unsere Geschichte - Gedächtnis der Nation" (GdN) daran, ein großes Zeitzeugen-Archiv aufzubauen. Doch richtig ins Rollen kommt das Projekt erst heute: Der sogenannte "Jahrhundertbus" macht Station am Berliner Alexanderplatz und beginnt damit eine mehrjährige Reise quer durch Deutschland. Im Inneren: eine Kamera, schalldämmende Wände und eine schwarze Wand. Vor dieser sollen in den nächsten Jahren hunderte von Menschen sitzen und erzählen, was sie erlebt haben. Persönliche Geschichten vom Mauerfall werden so gesammelt oder vom 17. Juni 1953 oder vom Aufstand der 1968er Generation.
Fünf Jahre Aufbauarbeit
Das Prinzip "Zeitzeuge vor schwarzer Wand" ist bekannt, unter anderem aus zahlreichen Geschichts-Dokumentationen des ZDF. Dessen Chef-Historiker Guido Knopp hat das Online-Projekt angestoßen, gemeinsam mit Hans-Ulrich Jörges von der Zeitschrift "stern". Vor fünf Jahren begannen sie mit ihrer Aufbauarbeit, suchten private Geldgeber und gründeten 2010 den Verein "Gedächtnis der Nation".
Das gleichnamige Internetportal zeigt schon jetzt 1.600 Video-Interviews aus den Beständen des ZDF. Doch es sollen mehr werden. Ab heute will die GdN-Redaktion im Jahrhundertbus stetig neue Aufnahmen machen. Deren Arbeit finanziert haben die Geldgeber - darunter die Verlage Bertelsmann und Gruner + Jahr und die Robert-Bosch-Stiftung - vorerst für drei Jahre.
Vorbild für das Projekt ist Steven Spielbergs "Shoa Foundation". Als der amerikanische Regisseur 1993 "Schindlers Liste" drehte, entwickelte er die Idee, die Erinnerungen jüdischer Holocaust-Überlebender für die Nachwelt festzuhalten. Die von ihm gegründete Stiftung hat mittlerweile mehr als 50.000 Personen befragt und ihre Erzählungen auf Video festgehalten.
Material für Schüler, Studenten, Wissenschaftler
Ähnliches schwebt auch Guido Knopp vor, wenn auch in kleinerem Rahmen. "Viele Erinnerungen drohen verloren zu gehen", begründet er sein Engagement während einer Pressekonferenz am Donnerstagvormittag. Deshalb müssten sie festgehalten und allen zugänglich gemacht werden. Wissenschaftler, Studenten, Schüler und Geschichtsinteressierte sollen freien Zugang zu dem Material haben. Der Verein "Gedächtnis der Nation" will auch Unterrichtspakete für Schulen erstellen. Für die Historiker an den Universitäten stellt der Verein eigens schriftliche und ausführlichere Versionen der Interviews bereit.
Ein Interview zu erstellen ist aufwändig. Die Redaktion sucht gezielt interessante Zeitzeugen aus, besucht sie, filmt, schneidet und recherchiert. Recherchen sind nötig um zu hinterfragen, was die Interviewpartner erzählen. Erinnerung kann trügen, oder jemand könnte seine Biografie schönen. "Wenn etwas erkennbar falsch erinnert ist, lassen wir das weg", versichert Knopp.
Ein Youtube-Portal ergänzt das Projekt
Doch der Aufwand hat seinen Preis: mehr als 500 bis 800 Interviews pro Jahr kann die Redaktion nicht führen. Deshalb wird das "Gedächtnis der Nation" durch die Youtube-Plattform "Unsere Geschichte" ergänzt. Dort kann jedermann eigene Videos von Zeitzeugen hochladen. Diese Plattform soll auch für Schulprojekte genutzt werden, wünscht sich der Verein "Gedächtnis der Nation".
Den Verband der Geschichtslehrer Deutschlands freut es. "Wir wollen Zeitzeugenarbeit zum Regelfall an Schulen machen", sagt dessen Vorsitzender Peter Lautzas. Für Lehrer sei es aber sehr aufwändig, interessante Zeitzeugen für den Unterricht zu gewinnen. Daher müsse man die technischen Möglichkeiten, wie sie der Verein GdN zur Verfügung stellt, in den Unterricht einbinden.
Auch Sönke Neitzel, Professor für moderne Geschichte an der Universität Glasgow, ist von dem Projekt begeistert. Zeitzeugen seien eine wichtige Quelle für Historiker, begründet er. "Über vieles, wie den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, wüssten wir ohne Zeitzeugen kaum etwas". Neitzel ist auch Vorsitzender eines neunköpfigen wissenschaftlichen Beirats, der den Verein "Gedächtnis der Nation" berät.







