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Icon   Rezension; Kirsten Boie: „Ringel, Rangel, Rosen“

Der Mief der späten Adenauer-Jahre

Tomas Unglaube • 26. September 2011

Foto: Oetinger Verlag
Foto: Oetinger Verlag

Im Mittelpunkt von Kirsten Boies Roman steht die Entwicklung der im Sommer 1961 13-jährigen Karin. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder lebt sie in einer Laubenkolonie in Hamburg, direkt hinter dem Elbdeich. Trotz materieller Beschränkungen erlebt Karin ihre Kindheit als glücklich. Dass ihre Fragen zum Schicksal der Juden in der NS-Zeit nicht beantwortet werden, stört das Mädchen weniger als die strengen Erziehungsnormen der Eltern: Pony und Schminke gelten als ordinär.

Drei Stationen: 1961 - 1962 - 1963

Buchstäblich über Nacht wird Karin im Februar 1962 aus ihrer Idylle vertrieben. Eine Sturmflut zerstört die Laube der Eltern ebenso wie die der Nachbarn. Diese ertrinken jämmerlich, während Karins Familie in letzter Minute gerettet wird. Traumatisiert muss Karin zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder mehrere Wochen in einer Notunterkunft leben. Während dieser Zeit entdeckt sie, dass ihr Vater während des Zweiten Weltkrieges möglicherweise an der Erschießung von Gefangenen beteiligt war.

Drei Jahre später, 1965, lebt die Familie in einer modernen Mietwohnung, Karin plant ihr Leben nach dem Schul-Abschluss: Sie will eine Ausbildung als Krankenschwester beginnen, weil sie dann im Krankenhaus wohnen und von Zuhause ausziehen kann. Den an den Normen des nationalsozialistischen "Bund Deutscher Mädel" ausgerichteten Erziehungsgrundsätzen kann Karin nur entgehen, wenn sie sich räumlich von ihren Eltern emanzipiert. Der Versuch, mit dem Vater über dessen mögliche Beteiligung an Kriegsverbrechen zu sprechen, scheitert.

Atmosphärisch dicht, thematisch überladen

Anschaulich schildert die Autorin das Leben junger Menschen Anfang der 60er Jahre in der Bundesrepublik, das heutigen Jugendlichen denkbar fern erscheinen muss: Der gemeinsame Fernsehabend als Familienritual ist ebenso selbstverständlich wie das allgegenwärtige Schimpfen auf den "Iwan" und das Fortdauern des Antisemitismus. Die NS-Zeit wird verdrängt. Relativer Wohlstand wird mit Hilfe des eigenen Autos und des Telefonanschlusses dokumentiert.

Thematisch hat sich Kirsten Boie etwas viel vorgenommen: Pubertät, spießige Eltern, weibliche Emanzipation, Flutkatastrophe, Traumatisierung, Kriegsverbrechen, Antisemitismus, Verdrängung der NS-Zeit, Kalter Krieg. Auch entgeht sie nicht immer der Gefahr klischeehafter Formulierungen. Dennoch: "Ringel, Rangel, Rosen" ermöglicht es Jugendlichen ab 12 Jahren in den Alltag Gleichaltriger in der späten Adenauer-Zeit einzutauchen. Es ist eine gute Gelegenheit diesen kritisch mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu vergleichen und vielleicht auch mit den Großeltern ins Gespräch zu kommen. Im Februar 2012 erscheint der Roman bei dtv als Taschenbuch und kann dann als Schullektüre genutzt werden.

Kirsten Boie: "Ringel, Rangel, Rosen", Friedrich Oetinger Verlag, Hamburg 2010, 192 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-7891-3182-0

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