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Die (un)genutzten Möglichkeiten

Bernhard Spring • 12. September 2011

wallstein-verlag.de
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Als 1942 die jüdischen Mitarbeiter seiner Werkstatt deportiert wurden, zog der blinde Bürstenmacher Otto Weidt von Berlin nach Auschwitz, um sie dort wieder freizubekommen. Offiziell verkaufte er seine Ware an die Wehrmacht und die Lagerbesatzung, insgeheim schmierte er sie. Auch nach Christianstadt, ein Nebenlager des KZ Groß-Rosen fuhr der Blinde, um bis zum Kriegsende 27 seiner Arbeiter vor der Vernichtung zu retten.

Weidt zur Seite stand die Prostituierte Hedwig Porschütz, die für die teils in der Werkstatt beschäftigten, teils versteckten Juden Quartiere und Lebensmittel besorgte und nach Theresienstadt Hilfspakete schickte. Nach einer Hausdurchsuchung 1944 wurde sie bis zum Kriegsende inhaftiert. Doch während Weidt 1971 von Yad Vashem als Gerechter geehrt wurde, blieb Porschütz diese Würdigung verwehrt. Mit Hinweis auf ihren unmoralischen Lebenswandel wurde ihr vom Berliner Senat eine Entschädigung wegen Widerstands gegen das NS-Regime verweigert. Porschütz starb 1977 in Armut.

Es sind kleine Einzelschicksale, die Arno Lustiger in seinem Buch "Rettungswiderstand" porträtiert. Dabei unternimmt er den gewagten Versuch an vergessene deutsche Judenretter zu erinnern und in einer Studie einen Überblick über die "unbesungenen Helden" ganz Europas aufzuzeigen.

Wie verschieden die Judenretter und wie unterschiedlich ihre Beweggründe waren, sich für Juden einzusetzen, wird in der groß angelegten Analyse deutlich. Da ist etwa Albert Göring, jüngerer Bruder des Reichsministers, der verfolgten Juden Ausreisepapiere verschaffte, indem er seinen prominenten Namen nutzte und notfalls die Unterschrift des bekannten Bruders fälschte. Oder Traian Popovici, der Bürgermeister von Czernowitz, der durch listiges Bürokratisieren tausende Juden als Fachleute deklariert vor der Deportation bewahrte. Oder der albanische Bauer Sulo Mecaj, der in seiner kleinen Berghütte zehn Juden versteckte.

Die Helfer "kamen aus allen sozialen Schichten. Viele verfügten weder über bedeutende finanzielle Mittel oder große Wohnungen, noch waren sie besonders gebildet oder hatten wichtige Kontakte", bemerkt Gastautorin Beate Kosmala. "Nicht alle handelten uneigennützig. Einige nutzten die Notlage der Verfolgten aus, indem sie Gegenleistungen forderten, auch sexuelle."

Die Zahl der Judenretter, die im Stillen Widerstand gegen den NS-Staat leisteten, lässt sich nicht feststellen, zu viele Belege haben die Zeit nicht überdauert. Zudem schwiegen viele Retter nach dem Krieg aus Furcht vor Anfeindungen. In Lettland etwa galten sie als geldgierig, als ob sie den Juden nur aus finanziellen Gründen geholfen hätten. In den muslimischen Ländern hingegen gerieten einzelne Retter aufgrund religiöser Spannungen in Bedrängnis. Auch wurden Judenretter wie etwa der Ingenieur Hermann Gräbe wegen ihrer Zeugenaussagen in späteren Prozessen als "Nestbeschmutzer" beleidigt. Besonders in Deutschland war die Erinnerung an die Judenhelfer unbequem, da sie Möglichkeiten des Widerstandes aufzeigten, die von der Mehrheit der Gesellschaft nicht genutzt worden waren.

Wie unbequem dieses Thema nach wie vor ist, zeigt Lustigers Versuch, die unterschiedlichen politischen Bedingungen aufzuzeigen, unter denen die Judenretter handelten. Während er den Regierungen in Albanien, Portugal, Spanien und Italien ein weitestgehend positives Zeugnis ausstellt, problematisiert er die Haltung von Kroatien, Rumänien und der Slowakei. Er verweist dabei auf das uneinheitliche und in gewissem Sinne auch hilflose Vorgehen der Staaten. In Bulgarien etwa wurden keine Deportationen durchgeführt, wohl aber in den von ihm eroberten Gebieten.

Kritik übt Lustiger an der reservierten Haltung des Vatikans, aber auch an dem damaligen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses Stephen Wise, der sich zunächst nur "zurückhaltend" für eine vermehrte Aufnahme von emigrierten Juden in die USA aussprach. Andere zögerten hingegen nicht. Franco etwa spielte sich vor den Alliierten als Judenretter auf. Oder der dominikanische Diktator Trujillo, der mit einem karibischen Vorzeige-Kibbuz von seinem Morden ablenken wollte.

Am Ende führt Lustigers Betrachtung in den Nahen Osten und wird zu einer Streitschrift für ein jüdisches Palästina, was dem Gesamteindruck der Lektüre eher abträglich ist. Auch an anderen Stellen scheint sich Lustiger der Entfernung von dem Eigentlichen - der Würdigung der "Gerechten", wie das einleitende Gedicht von Chaim Hefer betitelt ist - nicht bewusst zu sein, etwa wenn er dem stellvertretenden US-Außenminister und Antisemiten Breckinridge Long ein Porträt widmet, das umfangreicher als das vieler Judenretter ausfällt.

Insgesamt aber tut dies der Studie wenig Abbruch. Die einzelnen Schicksale sind gut recherchiert, ohne verklärend zu wirken, und dabei in zahlreiche erläuternde Gastbeiträge eines bunt zusammengestellten Autorenteams eingebettet. Ein erschütterndes Zeitbild und tröstendes Zeugnis "stiller Tapferkeit" (Chaim Hefer: Die Gerechten).

Arno Lustiger: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit, Wallstein Verlag, Göttingen, 2011. ISBN: 978-3-8353-0990-6, 462 Seiten, 29,90 Euro

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