Den Auftakt zu "Zehn Jahre 9/11 - Terror hoch 10?" machte eine Podiumsdiskussion mit dem Politologen Herfried Münkler - er veröffentlichte das Buch "Die Neuen Kriege" - und
Guido Steinberg, ehemals Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt. Moderator war Stefan Rupp, Star eines lokalen Radiosenders.
Misstrauen und Machtmissbrauch im Westen
Zur Einführung gibt es einen BBC-Beitrag: Prominente und Unbekannte schildern ihre Sicht auf die Situation seit den Anschlägen. Regisseur Ken Loach schockt: "Die Länder, die
sich demokratisch nennen, sind die größten Terroristen." Auch Modeschöpferin Vivienne Westwood, Autor Nick Fraser, ein portugiesischer Fernsehkoch, ein Boxer und Ex-Abba-Mitglied Björn wissen
Verblüffendes zu sagen. Übereinstimmend beklagen sie Misstrauen und Machtmissbrauch, die sich einschleichen.
Rupp, gut vorbereitet, hat das Wort. 38 Behörden, sagt er, beschäftigen sich in Deutschland mit Terror. Wieso fordert Guido Steinberg noch "mehr Strategie"? - "Seit 2001 suchen wir nicht
nach politischen Ursachen, sondern erklären alles zur Sicherheitsfrage", erklärt Steinberg. Auch Herfried Münkler betont die psychologische Seite der Sache. Es gebe verschiedene Arten von
Terrorismus, gemeinsam sei ihnen, dass sie Angst verbreiten wollen. Münkler, der in seiner Jugend ein Juso war, weiß zu provozieren: "Wenn die Bevölkerung sich nicht hysterisiert, verpufft die
Wirkung eines Anschlags."
Steinberg stimmt zu. So hätten die USA völlig überreagiert, als sie den Irak-Krieg begannen und damit einen Gegner wählten, der nicht mal im selben Lager wie Al Qaida sitze.
Steinberg: "Sonst würde es Al Qaida vielleicht schon nicht mehr geben." Andererseits seien etliche Anschläge in Deutschland verhindert worden, aber sie waren geplant und vorbereitet - und sind
genauso ernst zu nehmen, als hätten sie "geklappt".
Selbstzerstörung durch Selbsthysterisierung
Münkler aber beharrt: "Ruhe und Gelassenheit" seien oberste Gebote. Denn "Selbstzerstörung durch Selbsthysterisierung" sei die eigentliche Gefahr. Jetzt kommt Steinberg in
Fahrt: Al Qaida wolle in erster Linie nicht den Westen verändern, sondern strebe andere Regierungen in den islamischen Ländern wie Saudi-Arabien an. Davon müsse man ausgehen: "Nur weil die USA
die Saudis unterstützen, wurden sie das Terror-Ziel." Die Kapitalismuskritik sei nur Propaganda.
Sieht das die Jugend auch so? Politik-Student Florian Haug, 23, drehte mit Kommilitonen einen Animationsfilm, der vor dem Verlust von Freiheit und Demokratie durch Sicherheitsmaßnahmen
warnt. Doch da gibt Steinberg Entwarnung: Eher sei das Handeln ausländischer Dienste für Bürger in Deutschland gefährlich, etwa, wenn sie Menschen verschleppen. Die Sorge aus dem Publikum, es
gebe "Hintermänner der Attentate in Norwegen", teilt er nicht. Aber eine Veränderung gebe es seit 2001: "Es wollen immer mehr Gruppierungen Terror-Anschläge ausführen." Terror - ein trauriger
Trend.
Unter dem Motto "Check this point" - wegen der örtlichen Nähe zum Checkpoint Charlie - plant die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ab sofort jährlich sechs Veranstaltungen, die das Thema Terrorismus und seine Folgen diskutieren.







