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Das Ende der Welt im Tunnelblick

Nils Michaelis • 31. August 2011

Zwei Männer am Limit: In der Tundra locken echte Grenzerfahrungen. Foto: Fugu Films
Zwei Männer am Limit: In der Tundra locken echte Grenzerfahrungen. Foto: Fugu Films

Nordosten? Auch diese Umschreibung ist nur die halbe Wahrheit. Die Halbinsel Tschukotka liegt als einziger Teil des Riesenreiches in der westlichen Hemisphäre, sie bildet, vom Null-Meridian aus gesehen, die westlichste Landmasse überhaupt.

Wenn jener fast menschenleere Zipfel am Ende der Welt schon die geografische Orientierung herausfordert - was mag es bedeuten, dort, womöglich aus Abenteuerlust, mehrere Monate in einer einsamen Wetterstation totzuschlagen? Lässt sich das gewohnte Gefühl für Raum und Zeit konservieren, wenn ein Tag während der hellen Polarnächte gefühlte Wochen dauert?

Gefährliche Gefühle

Wer dort überleben will, muss sich arrangieren. Aus einem freundlichen Sommertag wird in Windeseile eine trübe Hölle aus Sturm und Nebel. Je weniger von den Bergen rings um die Station Walkarkai zu sehen ist, desto bedrohlicher wirken die düsteren Riesen - und umso verlorener erscheinen die versprengten Meteorologen, wenn sie draußen radioaktive Werte ablesen. Man muss seine Gefühlswelt im Zaum halten, um das durchzustehen und mit dem einzigen Kompagnon auszukommen.

Die Vorzeichen, dass Sergej Gulybin (Sergei Puskepalis) und Pawel Danilow (Grigori Dobrygin) diese Herausforderung meistern, sind nicht eben günstig. Mit stoischer Miene und grummeligen Anweisungen lässt Gulybin seinen Praktikanten Danilow bei jeder Gelegenheit spüren, was er ist: Ein einem Polarbären ähnelnder Gigant an Erfahrung, der vor nichts Angst hat und dem Walkarkai zur Idylle geworden ist. Muße findet er bei Angeltouren mit einem klapprigen Motorboot - dass Puskepalis seine Kindheit auf Tschukotka verbracht hat, passt ins Bild.

Herr und Knecht

Der von Gulybin als "Tourist" verspottete Danilow ist das genaue Gegenteil. Aus Experimentierfreude am Nordpolarmeer gestrandet, ist die Aussicht, über Monate den Launen Gulybins und der Umgebung ausgeliefert zu sein, blanker Horror. Ein Schiff wird kommen: Bis dahin stellt er sich mit Ego-Shootern ruhig. Jede Schlampigkeit, die Gulybin ihm vorhält, ist eine Demütigung.

Ist der gerade ausgeflogen, gehört Danilow der Laden. Als der Frischling von der Uni einen privaten Funkspruch für seinen Vorgesetzten übermitteln soll, ist Abgeklärtheit gefragt. Doch Danilow enthält ihm die traurige Nachricht vor. Will er sich für die Gängelei rächen oder fürchtet er die Reaktion seines Chefs? Die Situation ist so undurchsichtig wie bedrohlich: Je länger Gulybin ahnungslos bleibt, desto unaufhaltsamer steuert die Männerwirtschaft auf eine Katastrophe zu.

Nichts als Rätsel

Indem fast ausnahmslos Danilows Perspektive regiert, wird die Szenerie zunehmend verwirrend, kommt es auf den Zuschauer an, das Agieren der Männer zu entschlüsseln. Die überwältigenden Supertotalen bauen mit am Berg der Rätsel: Im Zeitraffer verschwimmen Berge und Meer zu einem diffusen, gewaltigen Etwas.

Die Frage, ob Regisseur Alexei Popogrebski in solchen Momenten die Wahrnehmung Danilows visualisiert oder von objektiver Warte aus die Ästhetisierung der Tundra betreibt, ist zweitrangig. In seltener Intensität inszeniert der 1972 geborene Filmemacher den Verlust des Gefühls für Raum und Zeit als einen psychedelischen Sog. Unter Kritikern machen Vergleiche mit dem sowjetischen Kult-Regisseur Andrei Tarkowski die Runde - in der Tat erinnert "How I ended this Summer" in einigen Nuancen an dessen beklemmenden Psycho-Trip "Solaris".

Vertrautes überwinden

Die unbarmherzige Einöde ist mehr als eine Bühne für ein Kammerspiel, in dem Menschen ihr Innerstes nach außen kehren. Betrachtet man Danilows Entwicklung, ist sie gleichermaßen Voraussetzung und Katalysator dafür. Popogrebski geht es also weniger um eine Ode an die Natur, sondern darum, was es heißt, vertraute mentale Muster zu überwinden - und das, so lässt sich herauslesen, ist auch unter anderen Umständen möglich.

Nicht jeder steckt derlei extreme Erfahrungen so routiniert weg wie Gulybin. Es wäre wünschenswert, mehr über das Innenleben des bulligen Meteorologen zu erfahren, den man sich schwerlich als urbanen Flaneur vorstellen kann. Andererseits ist gerade seine Verschlossenheit, an der die Kamera geradezu abprallt, die Voraussetzung dafür, dass sich Danilows Wahn dramaturgisch voll entfalten kann und die Spannung bis zum Schluss erdrückend bleibt.

Radikaler Tunnelblick

Dieser dynamische und kompromisslos umgesetzte "Tunnelblick" ist eine meisterhafte Teamleistung, nicht zuletzt dank Kameramann Pawel Kostomarow. Zurecht wurde er bei der Berlinale 2010 mit einem Silbernen Bären geehrt, zwei weitere gingen an die beiden Hauptdarsteller. Mit experimentellen Filmen aus Russland ist offenbar wieder zu rechnen.

How I ended this Summer/ Kak ja prowjol etim letom (Russland 2010),
Regie/ Drehbuch: Alexei Popogrebski,
Kamera: Pawel Kostomarow, mit Sergei Puskepalis und Grigori Dobrygin, UmU, 124 Minuten.
www.fugu-films.de

Kinostart: 1. September

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