Heisig war mit dem 2007 verstorbenen Fotografen eng befreundet, ihre Arbeitsweise, ihr Herangehen an die Dinge berührten sich. So ist die Präsentation von knapp zwei Dutzend der streng durchkomponierten, lakonischen Schwarz-Weiß-Fotos in ihrer "in der moribunden Grauskala des realsozialistischen Alltags geformten Sichtweise", wie Heisig die Arbeiten Berschs einmal kennzeichnete, auch ein Versuch des Malers, den Fotografen und seine Arbeiten dem drohenden Verdämmern und Vergessen zu entreißen.
Auf diesen Bildern "Abzug der Roten Armee", die zwischen 1990 und 1994 in Ostdeutschland entstanden, ist nichts zufällig. Es sind keine "Schnappschüsse", keine Reportagefotos, sondern mit höchstem formalen Gestaltungswillen durchkomponierte Arbeiten, in denen sich um die abgebildeten Gegenstände und Menschen eine eigenartige Stille ausbreitet. "Immer wieder geht es darum, das Zeichen zu finden, in dessen abstrahierender Kraft eine über das Chaotisch-Zufällige hinausreichende Wahrheit eingefroren ist". So hat Johannes Heisig das Grundprinzip der Fotografie Günter Berschs gesehen und darin auch sein eigenes malerisches Credo gefunden.
Berliner Mauerreste in schwarz-weiß
Johannes Heisig, Jahrgang 1953, ist - erstaunlich genug - einer der wenigen Künstler, der sich in seinen Arbeiten mit der Mauer auseinandersetzt. Auch er räumt ein: "Ich habe gemerkt, dass ich viele Jahre um dieses Thema nur herumgeschlichen bin. Es hat eines äußeren Anlasses bedurft, mich dieses wichtigen Ereignisses zu widmen."
Auf Anregung einer Berliner Galeristin nahm er 2007 Kontakt zur Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße auf. Seitdem hat er sich malerisch immer wieder intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt.
Auf drei querformatigen, auf den ersten Blick idyllisch anmutenden Landschaftsbildern wird erst bei genauerem Hinsehen deutlich, was Heisig aus der Vogelperspektive hier abbildet: Es ist die Gedenkstätte an der Bernauer Straße mit ihrem Stück Mauerrest.
In hartem Kontrast zu diesen fast impressionistischen Stadtlandschaften stehen vier großformatige, in kalten Grautönen an die Schwarz-Weiß-Fotos von Bersch erinnernde Bilder. Auf einem drängt sich eine Gruppe junger Menschen, Kerzen in der Hand, Demonstranten? Einer hält ein DDR-Dokument hoch, ein Ausweis? Ein Passierschein? Ein Schriftzug rechts unten verortet die Szene: "Tierpark", der Eingang zur U-Bahnstation im Osten der Stadt.
Auf einem anderen Bild ein Innenraum, unter einer großen, runden japanischen Papierlampe eine Gruppe von Menschen, Zigarettenrauch, ein Mann mit Gitarre, ein Plattenspieler, eine nächtliche Debattierrunde von Künstlerfreunden und Intellektuellen? Das dritte Bild: ein karges Zimmer, neben und übereinander Körper im Schlaf. Ein Liebespaar? Erschöpfte Partygänger im Drogenrausch? Durch das Fenster die Andeutung von Mauer, Stacheldraht, der Fernsehturm im Osten.
Das vierte Bild zeigt eine Punkband im Westen vor der bekritzelten Mauer. Ein ekstatischer Trommler mit Irokesenhaarschnitt, Gitarren, das Mikro, auf der Mauer entziffert man das Graffito: "You don't have to sleep to have nightmares". Ein Motto auch für diese Bilder?
Vielleicht, aber Heisigs Bilder sind nie eindeutig. Sie sind Vexierbilder, Zeichen, Chiffren, die man zu entschlüsseln versuchen kann, die aber immer auch Rätselhaftes bewahren.
Explosive Farbigkeit in der Nach-Mauerzeit
Neben den monochromen Mauerbildern hängen Bilder von explosiver Farbigkeit. Werke aus der Nach-Mauerzeit, aus seinem Neuköllner Kiez mit dem Hinterhof , oder "Der Park", ein farbiges Gewimmel von Leibern, die Köpfe im Vordergrund variieren mild ironisch wie zufällig alle das Selbstbildnis des Malers. Er ist Teil der Übergänge, die der Titel der Ausstellung beschwört.
In den Portraits seines Vaters, seines Sohnes und seiner Freunde, seiner verstorbenen Mutter, aber auch in seinem Selbstbildnis wird deutlich, welch herausragender Portraitist Johannes Heisig ist. Und auch diese Bilder nehmen das Mauerthema auf sehr persönliche Weise auf. Das Bildnis des übermächtigen Malervaters Bernhard Heisig, eines Großkünstlers in der vergangenen DDR, nun ein alter Mann im Rollstuhl vor seiner Staffelei, um ihn herum die Bildmotive, die sich seinen Gemäldenimmer wieder aufdrängen, Soldaten, Bajonette, Krieg, Ruinen - und die Narrenkappe.
Und dann das Bild der Mutter Brunhild Schmidt-Eisler, eine Keramikbildhauerin, auch im Rollstuhl, den Blick nach innen gekehrt. Nach der Scheidung von Bernhard Heisig war sie in den Westen gegangen. 1961 kam sie zurück, um ihre Söhne nachzuholen. Der Bau der Mauer verhinderte ihre Rückkehr. Ihren Lebensgefährten in Frankfurt sah sie nie wieder.
Mauersegler
Und dann noch "Mauersegler" ein Bild von unglaublich eruptiver Leuchtkraft. Eine Gestalt mit - was? einem Fluggerät? einem Drachen? einem Ballon? schwebt vor der untergehenden Sonne über eine vulkanisch glühenden Schlucht, rechts eine Mauer, ein Wachturm, grell blitzende Suchscheinwerfer.
Der Mauersegler, den Kopf nach unten geneigt, die linke Faust hält emporgereckt - was? einen Zipfel des Drachens, des Fluggeräts? Ein Schwert? Eine Fackel? Ein Anklang an die Freiheitsstatue in New York? Eine Geste des Triumphs? Oder der Verzweiflung vor dem drohenden Absturz? Ein unglaublich kraftvolles, so abgründiges wie rätselhaftes Bild. "Es gibt Söhne, die sind noch begabter, als ihre berühmten Väter", schrieb schon 2008 eine Rezensentin anlässlich einer Ausstellung von Johannes Heisig im Berliner Abgeordnetenhaus.
Übergänge auch im Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses e.V.
Der Vorabend der Ausstellungseröffnung gab dem "Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses e.V." Gelegenheit, Inge Wettig-Danielmeier und Klaus Wettig mit einer Vorab-Präsentation in Anwesenheit des Malers aus ihren Funktionen für den Freundeskreis zu verabschieden.
Bereits im Dezember 1995, noch vor der Eröffnung des Hauses im Mai 1996 wurde der Freundeskreis auf Initiative der beiden gegründet. Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Walter Momper, ein Mitglied der ersten Stunde, dankte für die überaus erfolgreiche und folgenreiche Arbeit, die Inge Wettig-Danielmeier als Vorsitzende und Klaus Wettig als Geschäftsführer von 1995 bis 2011 geleistet haben. In dieser Zeit wurde ein umfassendes Kulturprogramm mit Ausstellungen, Diskussionen, Filmabenden, Konzerten und Buchvorstellungen entwickelt, das aus dem Kulturleben Berlins nicht mehr wegzudenken ist.
Die neue Vorsitzende des Freundeskreises, SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks, versicherte, den eingeschlagenen erfolgreichen Weg zusammen mit der neuen Geschäftsführerin Gisela Kayser weiter zu verfolgen. Johannes Heisig stellte noch einmal die Bedeutung des Hauses für die Kunstszene in Berlin heraus und erinnerte daran, dass in seinen durchaus schwierigen Anfangszeiten als freier Künstler im wiedervereinigten Deutschland Ankäufe des Freundeskreises ihm ganz konkret geholfen haben, seine Miete bezahlen zu können. Inge Wettig-Danielmeier und Klaus Wettig haben nicht nur für die SPD, sondern auch für die Künstler, die Kunst und die Stadt etwas Bleibendes geschaffen.
Dauer der Ausstellung 24. August bis 16. Oktober 2011
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr; Eintritt frei, Personalausweis erforderlich.
Die Ausstellung kann im Rahmen der 29. Langen Nacht der Museen am Samstag, 27. August 2011, von 18:00 bis 2:00 Uhr besichtigt werden.
Weitere Informationen unter
www.willy-brandt-haus.de
Weitere Informationenzum Werk von Johannes Heisig unter
www.johannes-heisig.de







