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Kann Konsum Sünde sein?

Nils Michaelis • 18. August 2011

Milena (l.) und Alicja (r.) suchen Erfüllung im Shoppen. Bildautor: Peripher Filmverleih
Milena (l.) und Alicja (r.) suchen Erfüllung im Shoppen. Bildautor: Peripher Filmverleih

Die Szene in der Shopping Mall sagt viel über diesen Film. "Wenn du mir diese Jeans kaufst, blase ich dir einen", so die 14-jährige Milena gegenüber ihrem deutlich älteren Bewunderer. So unbekümmert, wie Milena ihren begehrten Gönnern begegnet, ist der gesamte Ton von "Galerianki". Wenngleich der 2009 vollendete Erstlingsfilm der Regisseurin Katarzyna Ros łaniec sich um eine Frage dreht, die aufwühlende Bilder von plündernden Jugendlichen in England hervorruft: Was tun Pubertierende, wenn sie "dazugehören" wollen, ihnen die materiellen Möglichkeiten aber versagt bleiben?

Bei einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet rund 750 Euro haben trendige Klamotten oder Handys für viele Eltern jenseits der Oder keine Priorität, das bekommen die Heranwachsenden zu spüren. Doch Milena und ihre Schulfreundinnen kämen nicht im Traum darauf, zu revoltieren. Sie pflegen einen Pragmatismus, der schwer zu ertragen ist. In Minirock, weißen Stiefeln und grell auf 18 "hochgeschminkt" staksen die Teenies an den Schaufenstern vorbei, immer in der Hoffnung auf einen spendablen Herrn. Kommt es zum Äußersten, knallt Milena hinterher verächtlich die Autotür ihres "Sponsoren" zu. Frei nach dem Motto: "Verpiss dich, Alter! Meine Jeans habe ich eingetütet."

Uniform des Konsums

Doch wer glaubt, Ros łaniec geht es um eine trashig inszenierte Konsum-Kritik, liegt falsch. Das kokette Schaulaufen der Galerianki, wie sie in Polen genannt werden, bildet nur den äußeren Rahmen für eine andere Geschichte. Es ist Alicjas Geschichte.

Eines Tages stößt sie zu Milenas Clique. Mit Schlabberpulli, Steinzeit-Handy und ungeschminktem Gesicht spiegelt sie wider, was sie ist: Ein Mädchen, das weder Äußerlichkeiten noch Statussymbole schätzt - also das völlige Gegenteil ihrer neuen Klassenkameradinnen, die sie gnadenlos mobben. Doch rasch nimmt sich Milena ihrer an. Je näher sich die beiden kommen, desto ähnlicher wird Alicja ihrem neuen Umfeld. Bald tut auch sie alles für ein neues Telefon.

Unangepasster Sinn

Doch gleichzeitig tobt ein Konflikt in ihr. Ihre Sehnsucht nach Bestätigung jenseits von Einkaufstempeln und Club-Partys lebt fort. Nur mühsam kann sie die melancholische Weltenflucht mit Alkohol und Flirts betäuben. Die unangepasste Sinnsuche verbindet sie mit einem Mitschüler. Mit ihm verbringt sie nach dem Vorbild von Pariser Clochards die Nachmittage unter einer Brücke. Ihr Wandeln zwischen zwei Welten überfordert sie. Und die Eifersüchteleien Milenas tun ein Übriges.

Erst der Tod des Jungen lässt Alicja aufwachen. Sein tragisches Ende ist der Anfang ihres Reife- und Sühneprozesses. Selten war es so eindringlich, eine Protagonistin beim Abschminken zu beobachten. Man fragt sich: Ist die weinende Alicja, die wir im Spiegel sehen, noch die gleiche? Diese Frage stellt sich ebenso, als sich Alicja nach ihrem ersten Sex gegen Bares auf dem Sofa kauert. Die eigentliche Wahrheit liegt wohl im leeren Blick der Entblößten.

Der Fokus auf die herausragenden Hauptdarstellerinnen - allen voran Anna Karczmarczyk als Alicja und Dagmara Krasowska als Milena - macht die psychologischen Folgen des Transformationslandes Polen gerade dadurch deutlich, indem mentale und moralische Leerstellen offenkundig werden.

Unaufgeregter Blick auf Polen

Die Intensität, mit der Ros łaniec den Protagonistinnen ihres Debüts folgt, beeindruckt und zeugt von einer gewissen Routine: "Galerianki" baut auf einer Studie auf, die die 1980 geborene Filmemacherin vor einigen Jahren als Abschlussarbeit an der Warschauer Filmschule eingereicht hat. Mit ihrem unaufgeregten Stil scheint sie richtig zu liegen, denn "Galerianki" wurde bereits mit zahlreichen Preisen in Polen und Deutschland bedacht, unter anderem beim Filmfestival Cottbus.

Hinter den Bedürfnissen der Mädchen und den Streitereien mit den ratlosen Eltern tritt eine Gesellschaft zutage, die von Familien in Auflösung, dem Verlust von Werten und einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich gekennzeichnet ist. Es sind subtile Andeutungen, zu keinem Zeitpunkt gleitet der Film ins Dokumentarische ab.

Stattdessen genügen unaufdringliche Details, um das große Ganze zu skizzieren. Wie zum Beispiel ein Werbeslogan in der schicksalhaften Shoppingmeile: "Im Supermarkt findest Du die wahren Freunde."

Galerianki/ Shopping Girls (Polen 2009), Regie: Katarzyna Ros łaniec,
mit Anna Karczmarczyk, Dagmara Krasowska, Dominika Gwit, OmU, 86 Minuten. Weitere Informationen zum Film: www.peripherfilm.de
Kinostart: 18. August

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