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Hundert Prozent Europa

Susanne Dohrn • 15. August 2011

Eine Zeitung für ganz Europa? Foto: iwona golczyk  / pixelio.de
Eine Zeitung für ganz Europa? Foto: iwona golczyk / pixelio.de

Wie gelingt ein gemeinsames Europa, wenn es keine europäische Öffentlichkeit gibt? Wie soll Europa ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln, wenn nach einer wichtigen Sitzung die Politiker nicht gemeinsam vor die Öffentlichkeit treten sondern jeder in seiner nationale Pressekonferenz? Das fragten sich zwei Schweden und ein Deutscher, als sie vor vier Jahren in einem Park in Frankreich saßen. Damals waren sie Studenten. Jetzt sind sie auf dem Weg, Unternehmer zu werden. Sie reisen durch Europa und suchen Geldgeber für ihr Projekt. "European Daily", heißt es und soll die erste gesamteuropäische Tageszeitung werden.

Geglückte Generalprobe

Im Netz gibt es den "European Daily" schon. "Das wurde sehr positiv aufgenommen", sagt Daniel Freund, einer der Macher. Das Ziel nun: Die Zeitung soll täglich und gedruckt erscheinen. Die Generalprobe fand am 15. Juni statt. Der "European Daily" wurde mit einer Auflage von 40 000 Exemplaren gedruckt und in Berlin, Brüssel, Paris und London verteilt. Acht Monate hatten sie zuvor daran gearbeitet, mit einem erfahrenen Chefredakteur, Grafikern und 22 Journalisten aus ganz Europa. Einige Verhandlungen mit Verlagen hätten sie schon gehabt.

Frankreich neben Saudi Arabien

Sie wollen damit eine Lücke schließen, die umso größer wird, je enger Europa zusammenrückt. Denn der europäische Zeitungsmarkt ist national geprägt, wie die Radio- und Fernsehsender auch. Alle berichten in ihrer eigenen Sprache, aus dem eigenen nationalen Blickwinkel. Das führt aus gesamteuropäischer Sicht manchmal zu absurden Situationen. Da kann eine Nachricht aus Frankreich in einer schwedischen Tageszeitung schon mal direkt neben einer aus Saudi Arabien stehen, erklärt Daniel Freund. In deutschen Zeitungen ist es nicht viel anders. So bleibt den europäischen Regierungschefs, wenn sie sich an eine europäische Öffentlichkeit wenden wollen, nichts anderes, als ihre Leitartikel im "Wall Street Journal", der "International Herald Tribune" oder der "Financial Times" zu veröffentlichen - also zwei US-amerikanischen und einer britischen Zeitung. Kommentiert werde der Beitrag dann wieder entlang der nationalen Sprachgrenzen, kritisiert Daniel Freund.

Der andere Blick

Die Macher von "European Daily" hingegen interessiert der europäische Blick. "Wir wollen die Welt so darstellen, wie sie uns als Europäer betrifft. Freund erklärt das am Beispiel der Atomkatastrophe in Japan: Während deutsche Zeitungen über die Ausstiegsdebatte hierzulande berichten, würde der "European Daily" darüber informieren, wie das Thema Atomkraft in Europa diskutiert wird. Auch die Auswahl der Themen ist eine andere. Man fände in der Zeitung eher einen Beitrag über die Präsidentschaftswahlen in Estland als über Bürgermeisterwahlen in Stockholm. Das ist weit mehr als die Europapolitik, die in Brüssel gemacht wird, obwohl auch sie ein wesentlicher Teil der Berichterstattung sein wird. Freund: "In Deutschland wird die nationale Politik in Berlin gemacht. Das fließt in die meisten Artikel ein, auch in Bayern. So ähnlich ist das auch in Europa." Zielgruppe des "European Daily" sind alle diejenigen die sich täglich in Europa bewegen und die Europa bewegt: Geschäftsleute, Politiker, junge Leute, die im Ausland leben oder gelebt haben. Deshalb erscheint die Zeitung auch auf Englisch und nur auf Englisch.

Papier bedeutet Glaubwürdigkeit

Und warum gedruckt? Lesen gerade junge Leute nicht viel lieber Nachrichten im Netz? Freund sieht das anders. Für die Zielgruppe sei die Papierzeitung sehr wichtig, sagt er. "Das gibt der Zeitung eine andere Glaubwürdigkeit." Schließlich kämen auch alle zuverlässigen Webseiten entweder von gedruckten Zeitungen, Radio- oder Fernsehsendern. "In der Medienlandschaft hat die Papierzeitung einen festen Platz, gerade bei jungen Lesern", erklärt er. Denn wer den ganzen Tag vor dem PC sitze, für den sei die Papierzeitung zum Morgencafe eine willkommene Abwechslung. Außerdem biete sie viel mehr als das Netz. Das sei vor allem für schnelle Nachrichten und kurze Informationen geeignet. Die Zeitung hingegen bringe Analyse, Einordnung, Hindergrund, und sie habe Platz für längere Beiträge.

Lob der Tageszeitung

Da passt es gut, dass auch die Anzeigenkunden das auch so sehen. Freund: "Die Kunden, diean dieser Zielgruppe interessiert sind, haben eine Präferenz für das gedruckte Medium. Er verweist auf einen Beitrag der kürzlich in der britischen Wirtschaftszeitung "The Economist" erschienen ist. Vor fünf Jahren habe der das Ende der Tageszeitung vorausgesagt. Nun hat er sein Urteil revidiert und widmete kürzlich einen Leitartikel dem Thema "Reinventing the Newspaper" - auf Deutsch in etwa: "Wie man die Tageszeitung neu erfindet". Vielleicht sind Daniel Freund und seine Mitstreiter gerade dabei.

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