vorwärts.de: Wann sind Sie das letzte Mal in Weißrussland gewesen?
Katja Statkevich: Im vergangenen September für knapp zwei Wochen.
Wie hat sich Ihre Heimat seitdem verändert?
Weißrussland hat sich extrem verändert. Seit den Präsidentschaftswahlen im Dezember ist die Entdemokratisierung weiter vorangeschritten. Es gab in den 17 Jahren, in denen Alexander
Lukaschenko an der Macht ist, nie wirkliche Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Aber was sich in den vergangenen Monaten tut, hat eine neue Dimension. Die Menschen in Weißrussland haben
inzwischen Angst, einfach nur auf die Straße zu gehen.
Woran liegt das?
Seit ein paar Wochen wird über das Internet dazu aufgerufen, zu bestimmten Zeiten an bestimmte Orte zu kommen und dort nichts anderes zu tun, als in die Hände zu klatschen - aus Protest
natürlich. In diesem Zusammenhang wurden mittlerweile viele Menschen verhaftet, selbst dann, wenn sie nicht geklatscht haben, sondern nur zufällig dort waren.
Das System scheint massiv nervös zu sein.
Auf jeden Fall. Die Unsicherheit im System nimmt zu.
Hinzu kommt die Wirtschaftskrise, die die Preise verteuert und den belarussischen Rubel entwertet. Wie lange kann das noch gut gehen?
Die Situation verschlechtert sich extrem schnell. Wie es weitergeht, hängt vor allem davon ab, ob das Land neue Kredite aus dem Ausland bekommt. Inwiefern eine Verbesserung realistisch ist,
kann ich schwer einschätzen. In den vergangenen Monaten haben wir immer wieder erlebt, dass die Situation sich innerhalb von Tagen komplett geändert hat.
Lukaschenkos Macht stützt sich zu einem großen Teil darauf, dass er den Menschen eine gewisse soziale Sicherheit garantiert. Könnte dieser Rückhalt verschwinden, wenn es den Menschen
schlechter geht?
Ja, da bin ich sehr sicher. Zunächst muss man sagen, dass Lukaschenko den Menschen in Weißrussland keinen so guten Lebensstandard sichert, wie immer behauptet wird. Im Fernsehen bekommen
sie ja auch mit, was sie sich alles nicht leisten können. Aber in der derzeitigen Situation geht es ja nicht nur darum, dass sich die Menschen bestimmte Dinge nicht mehr leisten können. Im Moment
wird ihnen häufig sogar verboten, ihr eigenes Geld vom Konto abzuheben. Es ist also nicht nur der Mythos zerstört worden, dass die Menschen in Weißrussland in gewissem Wohlstand leben. Sie werden
auch noch vom Präsidenten de facto ausgeraubt.
Warum lassen die Menschen sich das gefallen?
Hauptsächlich, weil sie Angst haben. In Weißrussland ist es nicht wie in Deutschland, wo man, wie etwa in Stuttgart, einfach auf die Straße gehen und demonstrieren kann, wenn einem etwas
nicht passt. Dort landet man sehr schnell im Gefängnis oder wird zum Krüppel geprügelt. Oder man verliert seine Arbeit, weil man aus Sicht der Regierung zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Hinzu kommt, dass die Menschen nach 17 Jahren Lukaschenko-Herrschaft mürbe sind. Propaganda und Repression haben da gute Arbeit geleistet.
Welche Rolle spielt die politische Opposition in Weißrussland zurzeit noch?
Im Verhältnis zum Druck, unter dem sie steht, spielt die Opposition eine erstaunlich große Rolle. Natürlich haben die Verhaftungen nach der Präsidentschaftswahl im vergangenen Dezember ihre
Spuren hinterlassen, aber es gibt nach wie vor Menschen, die weitermachen. Selbstverständlich können Sie die Opposition in Weißrussland nicht mit der in Deutschland vergleichen. Alexander
Lukaschenko achtet sehr darauf, seine politischen Gegner aus dem Weg zu räumen. Es gehört viel Mut dazu, sich in Weißrussland offiziell zur Opposition zu bekennen.
Der frühere Präsidentschaftskandidat Wladimir Neklajew geht für Weißrussland von einer ähnlichen Entwicklung wie in Rumänien aus, wo sich das Militär 1989 am Ende gegen den autokratisch
regierenden Nicolae Ceausescu gestellt hat. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja. Ich denke, das ist die wahrscheinlichste Entwicklung in Weißrussland. Lukaschenko setzt auf ein Rotationsprinzip in seinem Apparat, damit niemand zu stark werden kann. Trotzdem ist er
auf bestimmte Kräfte einfach angewiesen. Diejenigen, die für das System arbeiten, sind meistens sehr ehrgeizig und nicht immer zufrieden mit der Rolle, die Lukaschenkoihnen zugeteilt hat. Auch
persönliche Beleidigungen des Präsidenten spielen da eine Rolle. Von daher kann ich mir schon vorstellen, dass sich seine Untergebenen irgendwann gegen Lukaschenko stellen - spätestens dann, wenn
er sie nicht mehr bezahlen kann.
Wie könnte das Ausland diese Entwicklung beschleunigen?
Die Nachbarn sollten die demokratische Bewegung in Weißrussland insgesamt unterstützen. Besonders wichtig sind dabei die Massenmedien. Seit einiger Zeit sendet von Polen aus der Sender
"Belsat" ein Programm auf Weißrussisch. Für viele ist er die einzige Möglichkeit, sich unabhängig zu informieren. Freie Printmedien fehlen bisher vollkommen in Weißrussland. Auch bei den
Internetportalen sieht es nicht sehr gut aus. Hier könnte das Ausland ansetzen und helfen. Eine Möglichkeit, die demokratische Bewegung direkt zu unterstützen, wäre ein verstärkter
Know-how-Austausch, etwa über die Qualifizierung von Nachwuchspolitikern. Und schließlich ist es entscheidend, dass es einen Konsens im Ausland gibt, dass man nicht mit dem Regime Lukaschenko
zusammenarbeitet - auch dann nicht, wenn er sich scheinbar demokratisch verhält. Die bisherige Politik der Kooperation ist aus meiner Sicht gescheitert. Lukaschenko hält einfach nichts von der
Demokratie.
Am 26. August wird die Republik Weißrussland 20 Jahre alt. Was wünschen Sie Ihrem Land zum Geburtstag?
Ich wünsche ihm, dass Lukaschenko abtritt und wir wieder eine demokratische Regierung bekommen. Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn sich Weißrussland stärker in Richtung Europa
entwickelt. Rein geografisch liegt das Land mitten in Europa, in der Wahrnehmung dagegen ganz am Rand. Ich wünsche mir, dass Weißrussland hier eine selbstbewusstere Rolle spielt.
Katja Statkevich ist die Tochter des sozialdemokratischen weißrussischen Oppositionellen Nikolaj Statkevich. Er wurde wegen seiner Teilnahme an einer Demonstration nach der
weißrussischen Präsidentschaftswahl im Dezember vergangenen Jahres zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt.
Im Internet fordern Tausende die Freilassung der politischen Gefangenen in Weißrussland.







