Bertelsmann-Repräsentanz: Der Autor Frederick Kempe und sein Mitdiskutant auf dem Podium, 68er-Wortführer Peter Schneider, schauen in einen vollen Saal. Fünfzig Jahre nach dem Bau der Mauer veröffentlichte der Präsident der US-Denkfabrik für internationale atlantische Beziehungen "Atlantic Council" sein Buch "Berlin 1961 - Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt", das nun auch auf Deutsch vorliegt.
In drei Abschnitte ist es aufgeteilt: "Die Akteure", "Ein Sturm zieht auf" und "Der Showdown". Kempe beleuchtet zu Beginn die innenpolitischen Umstände sowie die Persönlichkeiten Chruschtschow, Kennedy, Ulbricht und Adenauer. Im Teil "Ein Sturm zieht auf" schildert der Autor den Sommer vor dem Mauerbau, ehe das Buch im "Showdown" mit dem Bau der Mauer und der Panzern, die sich am Checkpoint Charlie gegenüberstehen sein dramaturgisches Finale findet. Schneider nennt das Buch eine "Story, die es mit jedem guten Thriller aufnehmen kann".
Verwandten-Besuch in Ost-Berlin veränderte Weltanschauung
Kempe, Sohn deutscher Emigranten war zu Zeiten der Wende Chefkorrespondent beim Wall Street Journal. "Ich wusste wie die Mauer fiel, aber nicht wie sie gebaut wurde", beschreibt der 56-Jährige seine Motivation das Buch zu schreiben. Mit einem Besuch von Verwandten in Ost-Berlin 1974 veränderte sich der Lebensweg des damals 20-Jährigen. Eigentlich wollte er Sportjournalist werden. "Aber auf der Reise bin ich kalter Krieger geworden. Die große Unfreiheit der Bevölkerung, das leise Sprechen in der Familie aus Angst, gehört zu werden wie man mit einem Studenten spricht, hat meine Weltanschauung verändert."
Aus seinem rund 700 Seiten dicken Buch gibt Kempe einige Details preis, wie die Entwicklungen rund um das Wiener Gipfeltreffen zwischen Kennedy und Chruschtschow im Juni 1961: "Die Berater Kennedys legten ihm nahe, keine ideologischen Debatten zu führen und nicht über die Berlin-Frage zu debattieren. Der erste Tag in Wien war dann reine Ideologieschlacht und der zweite ging um Berlin". Nachher habe der US-Präsident vom "schlechtesten Tag" in seinem Leben gesprochen.
" Kennedy war schwach"
"Kempe zeigt, dass es eine Alternative zur Mauer gab", beschreibt Schneider sein Leseerlebnis. Laut Kempe sei das Verlegen von Stacheldraht durch die ganze Stadt Chruschtschows Art gewesen, die Reaktion der Alliierten zu testen. Nach Zeitzeugenberichten habe es alleine 72 Stunden gedauert, bis die Alliierten Protest äußerten. Dabei sei nicht einmal nicht die Beseitigung der Barrikaden gefordert worden. Kempe ist der Meinung, der Bau der Mauer hätte verhindert werden können, wären die Alliierten konsequenter aufgetreten - aber "Kennedy war zu schwach". Der Autor erklärt dies mit der Natur des Präsidenten: "Er war ein Kopfmensch. Das ist gut, um Krisen zu vermeiden. Aber nicht um aus Krisen herauszukommen."
"Berliner waren Objekte"
Am Abend der Buchpräsentation waren unter anderen der ehemalige Diplomat Hermann von Richthofen und Egon Bahr im Publikum, die es sich nicht nehmen ließen, das Wort zu ergreifen. Kempes Meinung teilend, dass der Mauerbau hätte verhindert werden können, rückte er den Fokus auf einen anderen Punkt: "Die Berliner waren Objekte dessen, was zwischen den Großen gespielt wurde." Allgemein sei dem US-Präsidenten die Bedeutung des freien Berlins lange Zeit nicht klar gewesen. "Als er sagte 'Ich bin ein Berliner' und durch die Stadt fuhr, da wurde Kennedy Berliner", schildert Bahr seine Eindrücke. Danach hätte es nie wieder einen so dramatischen Konflikt um Berlin gegeben.
Frederick Kempe "Berlin 1961 - Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt" Siedler-Verlag Berlin 2011 672 Seiten, Aus dem Englischen von Michael Bayer, Norbert Juraschitz 29,99 Euro ISBN: 978-3-88680-994-3







