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Sie suchen nach Opfern und schlagen zu

Gisela Sonnenburg • 01. August 2011

Hass-Verbrechen: Die Polizei kommt oft erst, wenn die Täter zugeschlagen haben, Foto: P. G. Meister, Pixelio
Hass-Verbrechen: Die Polizei kommt oft erst, wenn die Täter zugeschlagen haben, Foto: P. G. Meister, Pixelio

Berlin hat einen guten Ruf. Als tolerant, locker, aufgeschlossen gilt das soziale Klima. Doch unter der Oberfläche brodelt es, entladen sich Aggressionen und Vorurteile. Zur Zielscheibe werden Menschen aus "Verbrennt-die-Hexen-und-Ketzer"-Gruppen: emanzipierte Frauen, Jüdinnen und Juden - und Nicht-Heterosexuelle.

"Am schwersten haben es Transsexuelle, die sofort als solche zu erkennen sind", weiß Bastian Finke, Projektleiter bei MANEO, dem Anti-Gewalt-Projekt speziell für schwule und bisexuelle Männer vom renommierten Berliner Verein Mann-O-Meter. Finke leistet Opferhilfe, berät, kooperiert mit der Polizei - und ist immer wieder entsetzt, welche Unverschämtheiten und Brutalitäten sich junge und ältere Männer bieten lassen müssen, nur weil sie "anders" sind: "Das reicht von Beleidigungen bis zu Überfällen."

Perfider Antisemitismus unter Einwandererkindern

Nicht nur in Berliner Brennpunkt-Vierteln wie Neukölln ist es gefährlich, nachts "aufgebrezelt" - als "anders" identifizierbar - zu flanieren. Vor allem islamische Jugendliche, die Sozialneid und Testosteronüberschuss empfinden, suchen nach Opfern. Junge emanzipierte Frauen, die sich von Männern nichts vorschreiben lassen wollen, gehören ebenso ins Raster wie sexuell "Auffällige". Und: Im Zuge falsch verstandener Polit-Sympathien für Palästinenser etablierte sich auch noch ein perfider Antisemitismus unter Einwandererkindern. Das Schließen und Schrumpfen diverser Jugendeinrichtungen wirkte nicht eben heilsam.

Unter dem Diktat des Patriarchats
Ob Berlin oder Castrop-Rauxel: Wer mit vielen Geschwistern auf engem Raum aufwächst, das Diktat des Clans erlebt und kaum eine persönliche Aussicht für die Zukunft entwickelt, ist anfällig für die Hass-Kriminalität. Die ähnelt den Feindbild-Mustern von Nazis und erfährt von der dumpfen Familienpolitik der CDU Auftrieb: Außenseiter und Schwache sowie Individualisten, die sichtbar gegen patriarchale Strukturen auftreten, werden zu Opfern gemacht.

Die U-Bahn wird zur Falle
Ein in schwarzes Leder gewandeter Stammgast schwuler Kneipen in Berlin-Schöneberg: "Die Zeiten, da man unbeschwert in typischem Outfit nachts seine Runde drehen konnte, sind vorbei." Aus umliegenden Mietskasernen rotten sich gelangweilte Schläger zusammen, denen Gewalttätigkeit die soziale Kompetenz ersetzt. Öffentliche Verkehrsmittel sind problematisch: Ein U-Bahn-Waggon kann zur Falle werden. André Rostalski von den Berliner Schwusos, dem Arbeitskreis Lesben und Schwule in der SPD, kennt das: "Ich nehme abends lieber das Auto" - ein Geständnis gegen Berlins Sicherheit. Zu vielen nahmen traumatische Erlebnisse den Spaß.

Zivilcourage als Rettungsanker
Finke: "Ein Drittel der von uns in der letzten Zeit Befragten gab an, dass ihnen in der Hinsicht was passiert ist." Zivilcourage als Rettungsanker: "Wenn alle wegsehen, hat das mit Demokratie nichts zu tun", sagt Rostalski. Also: Nicht wegsehen, wenn ein Übergriff droht. Oft lassen sich vermeintliche Täter auf ein Gespräch ein, verstehen es, wenn man ihnen sagt, dass sie sich auch nicht diskriminieren lassen wollen. Ist der Aggressionspegel sehr hoch, hilft es, einen Verbund gegen die Angreifer zu bilden: Je mehr Fahrgäste gegen sie sind, desto eher lassen sie ab.

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