Berlin hat einen guten Ruf. Als tolerant, locker, aufgeschlossen gilt das soziale Klima. Doch unter der Oberfläche brodelt es, entladen sich Aggressionen und Vorurteile. Zur Zielscheibe werden
Menschen aus "Verbrennt-die-Hexen-und-Ketzer"-Gruppen: emanzipierte Frauen, Jüdinnen und Juden - und Nicht-Heterosexuelle.
"Am schwersten haben es Transsexuelle, die sofort als solche zu erkennen sind", weiß Bastian Finke, Projektleiter bei MANEO, dem Anti-Gewalt-Projekt speziell für schwule und bisexuelle
Männer vom renommierten Berliner Verein Mann-O-Meter. Finke leistet Opferhilfe, berät, kooperiert mit der Polizei - und ist immer wieder entsetzt, welche Unverschämtheiten und Brutalitäten sich
junge und ältere Männer bieten lassen müssen, nur weil sie "anders" sind: "Das reicht von Beleidigungen bis zu Überfällen."
Perfider Antisemitismus unter Einwandererkindern
Nicht nur in Berliner Brennpunkt-Vierteln wie Neukölln ist es gefährlich, nachts "aufgebrezelt" - als "anders" identifizierbar - zu flanieren. Vor allem islamische Jugendliche, die
Sozialneid und Testosteronüberschuss empfinden, suchen nach Opfern. Junge emanzipierte Frauen, die sich von Männern nichts vorschreiben lassen wollen, gehören ebenso ins Raster wie sexuell
"Auffällige". Und: Im Zuge falsch verstandener Polit-Sympathien für Palästinenser etablierte sich auch noch ein perfider Antisemitismus unter Einwandererkindern. Das Schließen und Schrumpfen
diverser Jugendeinrichtungen wirkte nicht eben heilsam.
Unter dem Diktat des Patriarchats
Ob Berlin oder Castrop-Rauxel: Wer mit vielen Geschwistern auf engem Raum aufwächst, das Diktat des Clans erlebt und kaum eine persönliche Aussicht für die Zukunft entwickelt, ist anfällig
für die Hass-Kriminalität. Die ähnelt den Feindbild-Mustern von Nazis und erfährt von der dumpfen Familienpolitik der CDU Auftrieb: Außenseiter und Schwache sowie Individualisten, die sichtbar
gegen patriarchale Strukturen auftreten, werden zu Opfern gemacht.
Die U-Bahn wird zur Falle
Ein in schwarzes Leder gewandeter Stammgast schwuler Kneipen in Berlin-Schöneberg: "Die Zeiten, da man unbeschwert in typischem Outfit nachts seine Runde drehen konnte, sind vorbei." Aus
umliegenden Mietskasernen rotten sich gelangweilte Schläger zusammen, denen Gewalttätigkeit die soziale Kompetenz ersetzt. Öffentliche Verkehrsmittel sind problematisch: Ein U-Bahn-Waggon kann
zur Falle werden. André Rostalski von den Berliner Schwusos, dem Arbeitskreis Lesben und Schwule in der SPD, kennt das: "Ich nehme abends lieber das Auto" - ein Geständnis gegen Berlins
Sicherheit. Zu vielen nahmen traumatische Erlebnisse den Spaß.
Zivilcourage als Rettungsanker
Finke: "Ein Drittel der von uns in der letzten Zeit Befragten gab an, dass ihnen in der Hinsicht was passiert ist." Zivilcourage als Rettungsanker: "Wenn alle wegsehen, hat das mit
Demokratie nichts zu tun", sagt Rostalski. Also: Nicht wegsehen, wenn ein Übergriff droht. Oft lassen sich vermeintliche Täter auf ein Gespräch ein, verstehen es, wenn man ihnen sagt, dass sie
sich auch nicht diskriminieren lassen wollen. Ist der Aggressionspegel sehr hoch, hilft es, einen Verbund gegen die Angreifer zu bilden: Je mehr Fahrgäste gegen sie sind, desto eher lassen sie
ab.







