Er ist in der deutschen Olympiamannschaft von 1936 in Berlin ein umjubelter Sportler. Gerhard Stöck, Goldmedaillengewinner im Speerwurf und Gewinner der Bronzemedaille im Kugelstoßen. Hochgewachsen, blond, blauäugig - für die Nazis ist der erfolgreichste deutsche Leichtathlet der Spiele ein ideales Symbol der arischen Herrenrasse.
Legendenbildung
Nach dem Krieg zogen sich viele im Nazi-Deutschland erfolgreiche und hofierte Sportler darauf zurück, völlig unpolitische, nur dem Sport verpflichtete Mitläufer gewesen zu sein. So auch Gerhard Stöck. Paul Busse, dem ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden in der Hamburger Bürgerschaft und seinem Bruder Peter ist es nun zu verdanken, dass die Fakten hinter der treuherzigen Legende vom unpolitischen Sportsmann Gerhard Stöck ans Licht gebracht wurden. In der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "Leichtathletik Informationen" dokumentieren sie akribisch die Karriere Stöcks vor und nach dem Krieg.
Steile Nazi-Karriere
Stöck tritt schon als Lehramtsstudent am 5. Mai 1933 in die SA ein. Noch vor seinem Examen wird er 1935 für die NS-Organisation "Kraft durch Freude" tätig, im selben Jahr aber schon als Spitzensportler zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele freigestellt. Seinen Siegeswurf zur Goldmedaille quittiert er in strammer Haltung mit dem "Deutschen Gruß". Die Busses zitieren Stöck aus einem Zeitungsinterview: "Es war meine größte Freude, als ich zum Olympiasieg vom Führer persönlich beglückwünscht wurde und sein Bild mit eigenhändiger Widmung und Unterschrift erhielt:" Zur Reichstagswahl ruft er, wie die Busses berichten, alle Sportler auf, die "Stimme dem Führer zu geben". 1937 tritt er der NSDAP bei. In der SA macht er eine steile Karriere, vom Oberscharführer 1936 bringt er es bis 1944 zum Sturmbannfüher. Als hochrangiges Mitglied des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Sport in Berlin wird er vom Kriegsdienst freigestellt.
Eine frisierte Biografie
Nach der Niederlage Nazi-Deutschlands kommt Stöck aus dem zerbombten Berlin nach Hamburg und zieht in den intakt gebliebenen beschaulichen Elbvorort Blankenese. Er bemüht sich um eine Anstellung im Institut für Leibesübungen in Hamburg. Zuvor muss er noch das Entnazifizierungsverfahren durchlaufen. Damit wollten die Siegermächte verhindern, dass frühere Nazis wieder in einflussreiche Positionen kamen. Dazu mussten die Probanden einen Fragebogen zu ihrer bisherigen Vita ausfüllen. Stöck frisiert seine Biografie. Zunächst macht er sich ein Jahr älter, wie die Autoren herausgefunden haben, wohl in der Hoffnung, seine Spur zu verwischen. Den Eintritt in die SA verschweigt er. Schon immer sei er ein "Gegner des nationalsozialistischen Zwanges" gewesen, er habe sich nur zum Ruhme des Vaterlandes und zur Ehre des Sports eingesetzt".. Als seine Mitgliedschaften in SA und NSDAP auffliegen, sagt er, sie seien "erzwungen gewesen".
Persilscheine und Lügen
Doch die britische Militärregierung lehnt seine Entnazifizierung ab und belegt ihn zusätzlich noch mit einem Startverbot. Stöck legt 1946 Berufung ein und lässt sich von 17 Freunden aus der NS-Zeit, viele ebenfalls NS-belastet, einen Persilschein ausstellen. Auch handfeste Lügen Stöcks, etwa zu seiner Mitgliedschaft in der SA, können die Busses aus den Akten des Berufungsausschusses der Hamburger Bürgerschaft belegen. "Als ich dann bei meinem Olympiasieg erneut in die Tribüne zu kommen hatte, umringten mich Göring, Frick, der Reichssportführer und Lutze (SA-Führer) und auch Hitler. Lutze sagte. 'Solche Männer wie Sie, Stöck, gebrauche ich in des SA. Ich befördere Sie mit sofortiger Wirkung zum Scharführer!' Ich hatte sofort einen Einwand und sagte: 'Stabsführer, ich bin doch nicht in der SA!'" Stöcks Lügengeschichte wirkt, der deutsche Berufungsausschuss zur Entnazifizierung lässt sich täuschen und ist überzeugt, " dass er stets ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen ist. Die Aufnahme in die SA und seine Beförderung zum Scharführer sind gegen seinen Willen erfolgt."
Karriere im Nachkriegsdeutschland
Nach seiner erfolgreichen Entnazifizierung macht Stöck in Hamburg rasch Karriere, Er tritt in die SPD, die Regierungspartei in Hamburg ein und wird bald Leiter des Hamburger Sportamtes. 25 Jahre bleibt er in dieser Funktion höchster Beamter des Hamburger Sports. Bei den olympischen spielen 1956 in Melbourne und 1960 in Rom ist er Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft. Chef es Nationalen Olympischen Komitees und für Stöcks Berufung verantwortlich, wie die Autoren darlegen, ist damals Carl Ritter von Halt, 1936 Vorsitzender des Fachamtes für Leichtathletik im NS-Staat und Mitglied im Freundeskreis Reichsführer SS. Die alten Seilschaften haben die Niederlage des NS-Staates überdauert.
Ein Preis und sein Verschwinden
25 Jahre lang steht der Speer aus finnischer Birke, mit dem Stöck einst die Goldmedaille gewonnen hatte, in seinem Dienstzimmer im Sportamt. !975 wird Stöck als Sportsamtsleiter feierlich verabschiedet. 1985 beschließt der Hamburger Senat, einen "Gerhard-Stöck-Preis" an verdiente Sportler und Vereine zu verleihen. Als 2006 den Rugby-Frauen des FC St. Pauli der Preis verliehen wird, stößt deren Trainer Jens Michau bei Recherchen über die NS-Vergangenheit seines Klubs auch auf die Nazi-Vergangenheit Stöcks. St. Pauli gibt umgehend den Preis zurück. Seit 2007 ist der Name für den Hamburger Sportpreis plötzlich verschwunden.
Das reicht den Autoren nicht: "Wohlmeinend betrachtet war Gerhard Stöck ein opportunistischer Mitläufer und Karrierist im NS-Staat. Sein Wiederaufstieg ist nur durch eine Lügengeschichte möglich geworden. Als Vorbild taugt er auf keinen Fall. Deshalb sollte der Gerhard-Stöck-Preis offiziell aus dem Verkehr gezogen werden."
Der 75. Jahrestag des Beginns der Olympischen Spielen 1936 in Berlin wäre ein passender Termin, einen Schlusspunkt unter die sehr deutsche Nachkriegskarriere des einstigen Olympiasiegers Gerhard Stöck zu setzen.







