In Nachbarländern wie Deutschland und Großbritannien wird das Desinteresse des französischen Staatschefs am Ausbau erneuerbarer Energien, zum Beispiel im Meer, laut bemängelt: Er setze
ausschließlich auf Atomenergie. Das soll jetzt anders werden: Im Ärmelkanal und im Atlantik planen die Franzosen 1200 Offshore-Windräder bis zum Jahre 2020.
Ein Umdenken in Paris? Der traditionelle Atomstaat, der kritisch auf den Kernkraftausstieg der Deutschen schaut, will künftig an der Spitze der Offshore-Windenergie kräftig mitmischen. Bis
2015 sollen die ersten 600 Turbinen mit einer Kapazität von insgesamt 3.000 MW im Meer stehen, fünf Jahre später nochmals 600 Windräder, um auf eine Gesamtproduktion der Produktion von 6.000 MW
zu kommen. Experten errechneten, die Leistung entspreche dann fast drei kleineren Atomkraftwerken oder zwei modernen Europäischen Druckwasserreaktoren (ERP). Der Anteil der Windenergie an der
Stromversorgung (derzeit garantieren 58 Kernreaktoren nahezu 80 Prozent des nationalen Elektrizitätsverbrauchs) würde von derzeit 2,2 auf 3,5 Prozent steigen. In Deutschland deckte Windkraft im
vorigen Jahr 6 Prozent des Stromverbrauchs, in 10 Jahren sollen es 20 Prozent sein.
Ideale Standorte im Atlantik und im Kanal
Frankreich hat Trümpfe in der Hand: Ideale Wetterbedingungen, ideale Standorte, zum Teil weit draußen im Meer. Im Ärmelkanal und im Atlantik weht fast immer ein starker Wind, im Winter um
einige Geschwindigkeiten kräftiger. Das Land hat 3500 Kilometer Küste. Der größte Teil ist nicht dicht besiedelt. So sollen die ersten 600 Windmaschinen in Tréport, Fécamp, Courseulles-sur-Mer
und Saint-Brieuc entstehen, am Atlantik vor der Hafenstadt Saint-Nazaire bei Nantes. Die Entfernung der Standorte von der Küste wird mit 20 bis 40 Kilometern angegeben. Die am stärksten
betroffenen Anwohner, die Fischer, würden sich zufrieden geben, wenn ihre berechtigten Interessen" - sie nennen Fischfang, Fischzucht, Fischgebiete und Austernanbau - angemessen berücksichtigt
werden.
Die Franzosen haben bisher keinen Offshore-Windpark eingerichtet, obwohl die Umweltpläne der Regierung (Grenelle I und Grenelle II) vor drei Jahren für 2020 insgesamt 19.000 MW - was die
Gesamtheit der erneuerbaren Energien anbetrifft - vorsah. Paris will auf einen Alternativ-Anteil von 23 Prozent des gesamten Strombedarfs kommen. Frankreich wird zu diesem Datum jedoch nur 6.000
MW Windenergie aufbieten.
11.000 Windkraft-Arbeitsplätze
Die Ausschreibung für die ersten 600 Räder soll noch in der Sommerpause erfolgen. Eine erfolgreiche Kandidatur - gemeldet haben sich bereits die Energieversorger EDF Energies, Alstom, Poweo
ENA und DONG Energy - soll von drei Elementen abhängig gemacht werden: zu 40 Prozent vom Strompreis, der angeboten wird, von weiteren 40 Prozent Arbeitsbeschaffung und von 20 Prozent
Umweltverträglichkeit. Als Gesamtinvestition für die 1200 Windräder im Meer werden 20 Milliarden Euro angegeben, an Jobs wird mit 11.000 Stellen gerechnet. Der mittelständische Windenergiesektor
blickt verhalten optimistisch in die Zukunft, hofft aber auf einen guten Anteil am Großprodukt.
Die französischen Fachleute sind sicher, dass Sarkozy jetzt den Ausbau der Windkraft beschleunigt. Zumal da in zehn Monaten der neue (oder alte) Staatspräsident gewählt werden muss. Sich
als umweltengagierter Amtsbewerber auszugeben, raten ihm seine Mitarbeiter seit Monaten mit Nachdruck. Offene Enttäuschung herrscht bei den französischen Grünen. Der Vorschlag der Regierung für
eine Ökosteuer setzte sich in Frankreich nicht durch. Der Ausbau der Sonnenenergie lahmt, weil sie die steuerliche Förderung der Solarkraft von der Regierung drosselt. Im Herbst will sie mit
der Anlage von 500 MW Solarenergie nachbessern. Die Franzosen wagen kaum den Vergleich mit Deutschland: Ende 2010 leistete der Nachbar 17.000 MW, die Grande Nation gerade mal 1300 MW Solarkraft.







