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Sozis gucken Sozis

Martin Jungmann • 28. July 2011

"Public Viewing" in Berlin: Friedrichshain-Kreuzbergs SPD-Chef Jan Stöß hatte eingeladen, Foto:J.Jänen
"Public Viewing" in Berlin: Friedrichshain-Kreuzbergs SPD-Chef Jan Stöß hatte eingeladen, Foto:J.Jänen

Ein großes Online-Nachrichtenportal hatte im Vorfeld gewarnt, der Anderthalbstünder sei "langweilig" und daher "wirklich nur was für eingefleischte Sozi-Fans". Nun könnte gefragt werden, ob aktive Mitglieder einer Partei zugleich "Fans" sind. Sicherlich brandete zu keiner Zeit Jubel auf wie bei einer Fußballübertragung. Doch Langeweile kam nicht auf; was zu sehen und vor allem zu hören war, wurde von den Zuschauern, die aus ganz Berlin nach Kreuzberg gekommen waren, lebhaft kommentiert - mal wohlwollend, mal gallig.

Gequältes Stöhnen über Clement
Die historisch anmutende Niederlage bei der Bundestagswahl 2009, das ist eine zentrale Aussage des Films, hat die SPD noch nicht überwunden. Das war auch bei der zuschauenden Basis zu spüren: Gequältes Stöhnen war zu hören, wenn Altkanzler Gerhard Schröder auf der Leinwand seine Agendapolitik verteidigte, zorniges Knurren gar, wenn der ehemalige Bundeswirtschaftsminister und ebenso ehemalige Sozialdemokrat Wolfgang Clement über den Zustand der Partei referierte.

Keine Kommentare aus dem Off
Statements von Prominenten und Exprominenten bilden nur einen Teil des Films, sie rahmen Aufnahmen aus dem Parteileben ein - vom Bundesparteitag bis zur Betriebsrätekonferenz in NRW, von der Spargelfahrt der Seeheimer bis zum Sommerfest eines Ortsvereins im Braunschweigischen. Eine kommentierende Stimme aus dem Off gibt es nicht. Das erzeugt auf den ersten Blick einen diffusen Eindruck der Objektivität. Doch dieser verfliegt rasch. Denn natürlich werden durch die Auswahl der Bilder, den Blickwinkel und den Schnitt Botschaften erzeugt.

Auswahl der Interviewten in der Kritik
In noch stärkerem Maße gilt das für die Auswahl der Interviewten. So, wie bei jeder Fußballübertragung die Mannschaftsaufstellung diskutiert wird, so sorgte die Riege der Sprechenden für Gesprächsstoff. Bundesvorsitzender, Generalsekretärin, Bundesgeschäftsführerin sind quasi natürliche Protagonisten. Auch der sich wie stets staatsmännnisch gebende Vorsitzende der Bundestagsfraktion ist ein naheliegender Gesprächspartner für den Regisseur. Erfreut nahmen die Zuschauer in Kreuzberg die klugen Beiträge der in ihrem Kreis beheimateten IUSY-Vorständlerin Cordula Drautz zur Kenntnis. Doch was kann ein Renegat wie Clement, was ein Schattenkandidat wie Peer Steinbrück zur Analyse beitragen? Fragen wie diese wurden am Dienstag aufgeworfen - Antwort jedoch konnten nicht gefunden werden.

Wo bleiben die "einfachen" Genossen?

Und wo bleibt die Basis? Im Film erscheint sie nur selten. Auch wenn sie nach dem erklärten Willen der Parteiführung aus dem Jahre 2009 eine stärkere Rolle in der politischen Willensbildung der Partei spielen sollte, kommen in den Interviews nur zwei "einfache" Genossen zu Worte. Auch wenn man die beiden Vorstandsmitglieder eines Bochumer Ortsvereins offenbar nach Ruhrpottdialekt und damit Stallgeruch gecastet hatte, setzen sie mit einem dialogisch vorgetragenen Kurzpsychogramm Wolfgang Clements einen Glanzpunkt des Films: "Der ist ja so furchtbar stur." - "Für mich ist der Mann ein Reibachsozialist." Ähnlichen Beifall erntete an diesem Abend nur die Generalsekretärin. Diese antwortet, befragt nach den Umständen der Ablösung Kurt Becks, mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Da kann ich nur lügen. Wenn ich die Wahrheit sage, dann bin ich verratzt."

Die Basis bleibt nur Staffage
Ansonsten treten die Menschen ohne hohe Ämter im Film nur als Staffage in Erscheinung, als linkischer Gewerkschafter beispielsweise, der sich in unbeholfenen Worten bei Hannelore Kraft anbiedert oder als schmerbäuchige Schnauzbartträger, deren kumpelhafter Humor meilenweit entfernt ist von der Welt der jungen und smarten Anzugträger beiderlei Geschlechts, deren Alltag sonst im Film zu sehen ist. Ob die Auswahl dieser Bilder eine implizite Werbung für die nach dem erklärten Willen der Parteiführung des Jahres 2011 überfällige Parteireform sei - auch diese Frage wurde am Dienstagabend im Willy-Brandt Haus diskutiert. Eine indirekte Antwort gab das Publikum durch seine eigene Anwesenheit. Hier war kein überkommener Folkloreverein zusammengekommen, sondern engagierte Männer und Frauen, denen die SPD eine Herzensangelegenheit ist - Parteimitglieder, die sozialdemokratische Politik aktiv mitgestalten wollen und können.

Der Film ""Sozialdemokraten. 180 Tage unter Genossen." kann in der ARD-Mediathek (www.ardmediathek.de) aufgerufen und angesehen werden.

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