Es war einmal ein Tanzensemble in den USA, das nur Eines wollte: mit Ungewöhnlichem beeindrucken. Das Pilobolus Dance Theatre, 1971 im Zuge der Modern-Dance-Bewegungen gegründet und in
Connecticut trainierend, setzt sich darum nicht nur aus Tänzern zusammen. Sondern die 20 festen und 20 halbprofessionellen Mitglieder kommen auch aus Bereichen der Fitness sowie vom Sport. Ein
elegant-akrobatischer Stil ist prägend für die sich stetig verjüngende Truppe; rasante Körperknäuel-Figuren wechseln mit raffiniert gebauten Szenerien.
Ob mit abstrakt schönen Formationen, die einen Bewegungsfluss zur Musik bilden, oder ob - wie auf der aktuellen Tournee - mit einer knapp abendfüllenden Showstory: Pilobolus steht für
märchenhafte Welten. Nur fünf Tänzerinnen und vier Tänzer braucht das Ensemble, um in eineinviertel Stunden einen höchst originellen Thrill abzuliefern. Mit Lichteffekten und Grusel-Ideen, dazu
Überraschungsmomente satt. Die rockige Musik vom Filmkomponisten David Poe wirkt indes nicht wirklich suggestiv - und wird zudem in weiten Teilen viel zu laut eingespielt.
Das eigene "schwarze Ich"
Dafür ist der Plot, die Story, nachvollziehbar und familienfreundlich: Ein Teenie-Mädchen träumt sich nachts ins Schattenreich ("Shadowland"), angeregt vom eigenen "schwarzen Ich", ihrem
Schatten. Ein Kabinett der schönen Monster und Zwitterwesen erwartet die kleine Heldin, dargestellt von den vergrößerten Schatten der Körperkünstler hinter der weißen Wand. Die
Schattenriss-Ästhetik erinnert zugleich an Scherenschnitte und an Comic-Kino.
So naiv wie im Comic-Märchen geht es weiter: Das Mädchen wird von einer "Schöpferhand" in einen Hund mit wackelnden Ohren verwandelt. Als so verzaubertes Kind wird es erst böse verlacht,
fährt dann kurvenreich Auto auf dem Beifahrersitz, trifft auf Landschaften, Pflanzen, skurrile Artgenossen - und lässt sich von Mischwesen umgarnen, die aus dem Labor durchgeknallter Forscher
stammen könnten. Schließlich wird das Hundemädel eingefangen, in einen tierquälerischen Zirkus verschleppt. Bis es flieht und sich verliebt: in einen Zentauren, von zwei Artisten gemeinsam
"getanzt". Aber auch Alptraum-Elemente sind eingeflochten, Ängste vor brutalen Kannibalen ebenso wie die Trennung von Freunden.
Routinierte Sicherheit des Ensembles
Die Flucht des Mädchens ins Land der Schatten nützt also nur wenig. Wie in der Teenager-Realität warten auch im Reich der Fantasie immerzu dieselben Probleme auf Menschen, die erwachsen
werden. Die Sinnfrage sollte man hier aber nicht zu deutlich stellen: Pilobolus, übrigens nach einem Pilz benannt, will gar nicht tiefsinnig oder sogar "erhebend" sein. Dafür besticht die
routinierte Sicherheit des Ensembles.
Bekannt wurden die wirbelnden Amerikaner in jüngerer Zeit nicht durch ihre Bühnenauftritte. Sondern durch technisch aufwändige Multimedia-Spektakel: 2007 bei der "Oscar"-Verleihung, in
Werbespots von Autofabrikanten, in André Hellers Megaschau "Magnifico" - und Ende April im ZDF bei "Wetten, dass…". Jetzt zu wetten, ob "Shadowland" den meisten gefällt, ist überflüssig: Es ist
kurzweiliges Sommertheater, das mit seinen Mischwesen allerdings Fragen offen lässt.
Weitere Vorstellungen
Bis 31. Juli in der Komischen Oper Berlin, vom 3. bis 7. August im Musical Dome in Köln, vom 10. bis 14. August im Theaterhaus in Stuttgart. Tel.: 01805 - 57 00 99







