Artikel (Archiv) > Schattenshow der Körperkünstler

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Tanztheater

Schattenshow der Körperkünstler

Gisela Sonnenburg • 22. July 2011

Märchenhaftes Tanztheater: Das Pilobolus Dance Theatre, Foto: John Kane
Märchenhaftes Tanztheater: Das Pilobolus Dance Theatre, Foto: John Kane

Es war einmal ein Tanzensemble in den USA, das nur Eines wollte: mit Ungewöhnlichem beeindrucken. Das Pilobolus Dance Theatre, 1971 im Zuge der Modern-Dance-Bewegungen gegründet und in Connecticut trainierend, setzt sich darum nicht nur aus Tänzern zusammen. Sondern die 20 festen und 20 halbprofessionellen Mitglieder kommen auch aus Bereichen der Fitness sowie vom Sport. Ein elegant-akrobatischer Stil ist prägend für die sich stetig verjüngende Truppe; rasante Körperknäuel-Figuren wechseln mit raffiniert gebauten Szenerien.

Ob mit abstrakt schönen Formationen, die einen Bewegungsfluss zur Musik bilden, oder ob - wie auf der aktuellen Tournee - mit einer knapp abendfüllenden Showstory: Pilobolus steht für märchenhafte Welten. Nur fünf Tänzerinnen und vier Tänzer braucht das Ensemble, um in eineinviertel Stunden einen höchst originellen Thrill abzuliefern. Mit Lichteffekten und Grusel-Ideen, dazu Überraschungsmomente satt. Die rockige Musik vom Filmkomponisten David Poe wirkt indes nicht wirklich suggestiv - und wird zudem in weiten Teilen viel zu laut eingespielt.

Das eigene "schwarze Ich"
Dafür ist der Plot, die Story, nachvollziehbar und familienfreundlich: Ein Teenie-Mädchen träumt sich nachts ins Schattenreich ("Shadowland"), angeregt vom eigenen "schwarzen Ich", ihrem Schatten. Ein Kabinett der schönen Monster und Zwitterwesen erwartet die kleine Heldin, dargestellt von den vergrößerten Schatten der Körperkünstler hinter der weißen Wand. Die Schattenriss-Ästhetik erinnert zugleich an Scherenschnitte und an Comic-Kino.

So naiv wie im Comic-Märchen geht es weiter: Das Mädchen wird von einer "Schöpferhand" in einen Hund mit wackelnden Ohren verwandelt. Als so verzaubertes Kind wird es erst böse verlacht, fährt dann kurvenreich Auto auf dem Beifahrersitz, trifft auf Landschaften, Pflanzen, skurrile Artgenossen - und lässt sich von Mischwesen umgarnen, die aus dem Labor durchgeknallter Forscher stammen könnten. Schließlich wird das Hundemädel eingefangen, in einen tierquälerischen Zirkus verschleppt. Bis es flieht und sich verliebt: in einen Zentauren, von zwei Artisten gemeinsam "getanzt". Aber auch Alptraum-Elemente sind eingeflochten, Ängste vor brutalen Kannibalen ebenso wie die Trennung von Freunden.

Routinierte Sicherheit des Ensembles
Die Flucht des Mädchens ins Land der Schatten nützt also nur wenig. Wie in der Teenager-Realität warten auch im Reich der Fantasie immerzu dieselben Probleme auf Menschen, die erwachsen werden. Die Sinnfrage sollte man hier aber nicht zu deutlich stellen: Pilobolus, übrigens nach einem Pilz benannt, will gar nicht tiefsinnig oder sogar "erhebend" sein. Dafür besticht die routinierte Sicherheit des Ensembles.

Bekannt wurden die wirbelnden Amerikaner in jüngerer Zeit nicht durch ihre Bühnenauftritte. Sondern durch technisch aufwändige Multimedia-Spektakel: 2007 bei der "Oscar"-Verleihung, in Werbespots von Autofabrikanten, in André Hellers Megaschau "Magnifico" - und Ende April im ZDF bei "Wetten, dass…". Jetzt zu wetten, ob "Shadowland" den meisten gefällt, ist überflüssig: Es ist kurzweiliges Sommertheater, das mit seinen Mischwesen allerdings Fragen offen lässt.

Weitere Vorstellungen
Bis 31. Juli in der Komischen Oper Berlin, vom 3. bis 7. August im Musical Dome in Köln, vom 10. bis 14. August im Theaterhaus in Stuttgart. Tel.: 01805 - 57 00 99

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Westend Verlag

Icon Rezension; Jürgen Roth: „Gazprom – Das unheimliche Imperium"

Putins unheimliches Imperium

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

Cengos (Abdullah Ado) Kindheit endet mit schmerzhaften Verlusterfahrungen.

Icon Film der Woche: Mes – Lauf!

Der stumme Schrei nach Leben

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt