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Per Anhalter in die Vergangenheit

Nils Michaelis • 21. July 2011

Apothekerin Biljana (Branka Katic) fehlt ein Mittel gegen die Trauer.  Foto: Farbfilm-Verleih
Apothekerin Biljana (Branka Katic) fehlt ein Mittel gegen die Trauer. Foto: Farbfilm-Verleih

Scheinbar um jeden Preis zieht es Serbien in die EU. Das zeigt nicht zuletzt die Festnahme von Goran Hadcic, dem letzten von 161 mutmaßlichen, bis heute von Nationalisten vergötterten Kriegsverbrechern, denen das Haager Tribunal seit Jahren auf den Fersen war. Doch dem Balkanstaat stehen weitere Balanceakte bevor. Die Auslieferung von Hadcic und Konsorten kann nur der Anfang sein.

"Es war schwer, ihn zu erkennen, er sah nicht mehr wie er selbst aus", sagte ein Belgrader Staatsanwalt über jenen Serbenführer in Kroatien.
Es klingt zugleich nach einer (Selbst-)Beschreibung Serbiens, hin- und hergerissen zwischen der verklärten Vergangenheit und einer wenig glamourösen Gegenwart. Von der ungewissen Zukunft ganz zu schweigen.

Serbien schwebt

Um diesen kollektiven Schwebezustand geht es in Srdan Koljevics Film. Wieder porträtiert der serbische Regisseur und Drehbuchautor seine Heimat, indem er von universellen Konflikten erzählt. Auch für "Klopka - Die Falle" aus dem Jahr 2007 schrieb er das Drehbuch - eine von der Kritik gefeierte Tragödie, die sich im Dunstkreis des organisierten Verbrechens um die tödliche Aufopferung eines Vaters für seinen Sohn rankt. So verortet Koljevic auch in "Belgrad Radio Taxi" den Kontext in seinen Figuren. Erneut sind die Spuren der jüngeren Geschichte nur zu erahnen, aber umso präsenter.

Mit großer Liebe zur Metapher verknüpft Koljevic drei Lebensläufe miteinander, die eigentlich kaum Berührungspunkte bieten. Mitten im alltäglichen Stau stürzt sich eine junge Frau von der Brankos Brücke in die Save. Der Taxifahrer Gavrilo, die Lehrerin Anica und die Apothekerin Biljana sehen fassungslos zu. Von diesem Moment an wird sich ihr Leben radikal verändern. Ein Grund mehr, emotionalen Halt in jugoslawischen Schlagern von "Radio Belgrad" zu suchen. Doch auch dieser Trost ist nicht von Dauer.

Der misanthropische Gavrilo ist plötzlich Papa. In seinem Taxi hatte jene Untröstliche ihr Baby hinterlassen, bevor sie über die Brüstung kletterte. Dem Bürgerkriegsflüchtling, der seine Familie in Bosnien verlor, fällt es schwer, seine fürsorgliche Seite zu entdecken. Doch Gavrilos Reise zu sich selbst ist unumkehrbar. Der einstige Menschenhasser kämpft um seine neue Liebe, rettet Leben und verliert dabei fast sein eigenes.

Brücke ins neue Leben

Auf jenem Bauwerk, das den maroden alten mit dem glitzernden neuen Teil Belgrads verbindet, bahnt sich auch für Biljana eine schmerzhafte Kehrtwende an. Prompt lässt sie ihren Verlobten stehen und braust mit Anica davon. Fortan teilen die Frauen ihre unbewältigten Nöte - besonders die Trauer um einen geliebten Menschen.

Biljana glaubt nicht mehr an ihr Eheversprechen, weil die Vergangenheit sie im Griff hat. Jahre zuvor war ihr damaliger Verlobter überraschend gestorben, als er mit einer harmlosen Operation dem Militärdienst entgehen wollte. Dass sie gerade jetzt die Nähe seiner Familie sucht, macht ihre Lage noch verfahrener.

Anica erzählt davon, wie nach dem Unfalltod ihres Kindes ihre Ehe in die Brüche ging. Der Hass auf den Fahrer, so redet sie sich ein, gibt ihr Kraft. Als die Pädagogin eines Tages dessen Sohn im Klassenzimmer gegenübersteht, versucht sie, ihre Hilflosigkeit mit Ablehnung zu kaschieren - was natürlich schief geht.

Sprödes Gesicht der Haltlosigkeit

Innerhalb von etwa 100 Minuten drei Biogafien zu sezieren, noch dazu im Wechselspiel von Komik und Tragik, zeugt von Selbstvertrauen. Doch Koljevics Plan geht nur bedingt auf. So lebt vor allem Gavrilos Geschichte von Überraschungen, die gerade mit der dynamischen Entwicklung dieser Figur zusammenhängen. Wesentlich zähflüssiger, in Anicas Fall auch blasser, ist der Erzählstrang über die beiden Frauen - ein Symbol für die Mühen und Blockaden der Trauerarbeit mit all ihren Langzeitfolgen, wenn nicht gar für Stagnation?

Dem eindringlichen Spiel von Branka Katic, bekannt aus "Schwarze Katze, weißer Kater", ist es allerdings zu verdanken, dass die durchgeknallt-zerbrechliche Biljana einen bis zum Schluss in ihren Bann zieht: Selbst wenn sie ihr Innerstes preisgibt, bleibt sie ein Rätsel. Katic gibt der Haltlosigkeit ein sprödes Gesicht. Was lernen wir aus Biljanas Schicksal? Manchmal führt ein vermeintlicher Aufbruch geradewegs in die Vergangenheit, ohne diese überwinden zu können. Das Ende ist offen.

"Belgrad Radio Taxi", Deutschland / Serbien 2010, Regie/ Buch: Srdan Koljevic. Mit Nebojša Glogovac, Anica Dobra, Branka Katic, Stipe Erceg, Nada Sargin u.a., 101 Minuten.

http://belgrad-radio-taxi.de/

Kinostart: 21. Juli

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