Artikel (Archiv) > Nach der Modewoche ist vor der Modewoche

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Die Modebranche als Wirtschaftsfaktor für Berlin

Nach der Modewoche ist vor der Modewoche

Christian Janssen • 18. July 2011

Kreative und schöne Köpfe in der Modeszene – vorne die Modeschöpfer Kyle Callanan und Jen Gilpin, hinten die Modelle (Bild: Chri
Kreative und schöne Köpfe in der Modeszene – vorne die Modeschöpfer Kyle Callanan und Jen Gilpin, hinten die Modelle (Bild: Christian Janssen)

Die Staatsanwaltschaft Berlin geht von einem Steuerschaden in Höhe von rund 272.000 Euro aus. Zur Klärung der Frage, ob Nadja Auermann zwischen den Jahren 1999 und 2002 einen Wohnsitz in Berlin begründet hatte, dauerte die Beweisaufnahme, bei der es auch um streunende Katzen, vertrocknete Zimmerpflanzen und eine rote Wandbemalung ging, länger als gedacht. Insofern war für den 4. Juli 2011, den vorerst letzten Verhandlungstag, ein Urteil nicht mehr zu erwarten. Rechtsanwalt Robert Unger, der Strafverteidiger, bemerkte in der Hauptverhandlung am 9. Juni 2011 zum ganzen Geschehen: "Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß dieses Verfahren auf einem korrupten und untreuen Steuerfahnder beruht." Der Sommer scheint ohnehin die beste Zeit fürs Diskutieren von Steuerfragen zu sein. Für die Fortsetzung der Verhandlung am 25. August 2011 sind weitere Zeugen geladen.

Um so erfreulicher war endlich der Beginn der Berliner Modewoche. Die Modewoche hätte schon am 3. Juli 2011 anfangen können, wenn nicht die Ocean Media GmbH die Modemesse "5 elements.berlin" am 1. Juni 2011 abgesagt hätte. Dazu ließ der "Event Director" Andrew Lookman in einer Pressemitteilung verlauten: "Heute … haben 37 Hersteller mit gut 65 Marken zugesagt, von weiteren Herstellern haben wir die mündlichen Zusagen. Zu viele Hersteller warten jedoch ab, um zu sehen, welche Mitbewerber sich noch anmelden. Sosehr uns die Entwicklung insgesamt freut, ist sie dennoch nicht ausreichend (selbst wenn alle mündlichen Zusagen ihr Erscheinen bestätigen würden), um eine sinnvolle Leitmesse für Bodywear in Deutschland umzusetzen. Aus Sicht des Einzelhandels ergibt sich kein attraktives Ausstellerfeld, zumal führende Hersteller aus den Bereichen Dessous und Beachwear der aktuellen Veranstaltung eine Absage erteilt haben."

Den Auftakt der Modewoche bildete dann am 5. Juli 2011 die Eröffnung eines Ladens der niederländischen Marke "SCOTCH & SODA AMSTERDAM COUTURE" im Modeviertel rund um den Hackeschen Markt. Es gibt halt nicht nur bei der "grünen" Mode ein stetes Kommen und Gehen. So traf auch die Veranstaltungsreihe "Mercedes-Benz Fashion Week BERLIN", die diesmal mit der Modenschau des Berliner Modeschöpfers Michael Sontag eröffnet wurde, ein Wachstumsschub. Die Rückkehr an den ursprünglichen Ort, nämlich ans Brandenburger Tor, führte zu einer Vergrößerung des Veranstaltungszeltes. Der Laufstegsaal wurde von siebenhundert auf tausend Sitzplätze erweitert.

Mit dem kleinen Studio stand den Modeschöpfern abseits des großen Laufsteges nun eine weitere Plattform zur Präsentation ihrer Kollektionen zur Verfügung. Dort waren beispielsweise feinste und edle Leder- und Metallaccessoires der Berliner Modeschöpferin Celia Czerlinski, als Mobiles arrangiert, zu sehen. Der Berliner Modeschöpfer Hannes Kettritz, der derzeit sein Studium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin abschließt, verwandelte das Studio in einen Wald, zum dem die männlichen Modelle in "Menswear" mit unkonventionellen Schnittechniken einen Kontrapunkt setzten. Choreographischer Höhepunkt war freilich die Modeinstallation der in Berlin arbeitenden Modeschöpfer Jen Gilpin aus Kanada und Kyle Callanan aus Neuseeland (Marke "DSTM DONT SHOOT THE MESSENGERS"). Es war ein Wechselspiel der Gefühle; die weiblichen Modelle in sexy schwarzen Kleidern wandelten entweder unnahbar umher oder posierten verführerisch auf Caféstühlen.

Die letzte Modenschau der Veranstaltungsreihe "Mercedes-Benz Fashion Week BERLIN" gestalteten diesmal die belgischen Modeschöpfer An Vandevorst und Filip Arickx. Ihr Erkennungszeichen sind die ins Gesicht gekämmten Haare der Modelle und der eingenebelte Laufsteg. Dazu präsentierten sie eine reine "women's ready-to-wear"-Linie aus Schuhen, Accessoires und einer "pre-collection" namens "BLACKBOARD" und "A.FRIEND by A.F. VANDEVORST".

Glanz kam einmal mehr am 7. Juli 2011 nach Berlin, und zwar in den Hof der KPM Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin GmbH. Für die Begriffe "Eleganz" und "chic" gibt es ein Synonym: Guido Maria Kretschmer. Der Münchener Modeschöpfer verbreitete auf der Modenschau unter freiem Himmel mit den Kleidern seiner neuen Kollektion "STAY ANOTHER DAY" in den Marinefarben Blau und Weiß eine wohltuende Urlaubsatmosphäre, was sich auch der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit nicht entgehen ließ. Daneben eröffnete er dort seinen "Showroom" und erläuterte die künftige Zusammenarbeitmit der KPM - für sie wird er besondere Porzellanobjekte entwerfen - folgendermaßen: "Mit der Königlichen Porzellan-Manufaktur verbinde ich Ästhetik und handwerkliche Kunst, die ihres gleichen sucht."

Die Modenschau "SHOW0711" am 5. Juli 2011 war Teil einer anderen Veranstaltungsreihe der Berliner Modewoche, die in der Veranstaltungshalle "ARENA GLASHAUS" untergebracht war. Die Berliner Modeschöpferin Nadine Miyahara hatte sich das Clubrestaurant "FELIX" ausgesucht, um dort am 6. Juli 2011 ihre neue Kollektion zu zeigen. Die Berliner Modewoche endete am 10. Juli 2011 mit der Modenschau "5. FASHION NIGHT COCKTAIL" in einer Grunewalder Villa, zu welcher der Berliner Schauspieler Julian F. M. Stoeckel Modebegeisterte eingeladen hatte. Als Nachzügler trat der Berliner Friseurmeister Civan Ucar mit seiner mittlerweile traditionellen Modenschau "walk of fashion" rund um den Charlottenburger Savignyplatz am 17. Juli 2011 auf den Plan; da konnten sich wieder hoffnungsvolle Talente, die teilweise noch studierten, der Öffentlichkeit bekanntmachen.

Bei all diesen schönen und amüsanten Momenten darf die Bedeutung der Modebranche als Wirtschaftsfaktor für die Entwicklung der Stadt Berlin nicht übersehen werden. Laut einer aktuellen Studie der Investitionsbank Berlin wird die wirtschaftliche Dynamik der Berliner Modewirtschaft besonders deutlich an der Anzahl der ortsansässigen Unternehmen der Modebranche. In Berlin sind rund 3.700 Unternehmen mit mehr als 11.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und damit mehr Unternehmen als in anderen Städten der Bundesrepublik Deutschland ansässig; anders als in den Städten Hamburg, Köln und München nahm die Anzahl in Berlin seit dem Jahre 2000 um 29,4 % besonders stark zu. Unter Berücksichtigung der freien Mitarbeiter, Selbständigen und geringfügig Beschäftigten ergibt sich die Gesamtzahl von 15.300 Personen, die in der Berliner Modewirtschaft dauerhaft tätig sind. Nach der Studie erreicht der Umsatz in Berlin einen Wert von 1,6 Milliarden Euro, womit Berlin zwar hinter München mit 2,3 Milliarden Euro, aber noch vor Hamburg mit 1,4 Milliarden Euro und Köln mit 1,2 Milliarden Euro rangiert. Angesichts dessen kommt seit dem Jahre 2005 der Modebranche in Berlin eine Förderung von Einzel- und Infrastrukturprojekten mit jährlich rund 1 Million Euro seitens der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen zugute.

Trotz finanzieller Förderung gibt es bei der Infrastruktur selbst etwas aufzuholen. In Paris gibt es die Fédération Française de la Couture, du Prêt-à-Porter des Couturiers et des Créateurs de Mode; dazu gehören die Chambre syndicale de la haute couture, die Chambre syndicale de la mode masculine und die Chambre syndicale du prêt-à-porter des couturiers et des créateurs de mode. In London existiert das British Fashion Council (BFC), in Mailand die Camera Nazionale della Moda Italiana (CNMI), in New York das Council of Fashion Designers of America (CFDA). In Berlin hingegen ist eine entsprechende Interessenvertretung der Modeschaffenden als zentrale nationale Einrichtung nicht zu finden. Eine solche Anlaufstelle würde der einheimischen Modebranche sicherlich einen zusätzlichen Impuls geben.

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Westend Verlag

Icon Rezension; Jürgen Roth: „Gazprom – Das unheimliche Imperium"

Putins unheimliches Imperium

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

Cengos (Abdullah Ado) Kindheit endet mit schmerzhaften Verlusterfahrungen.

Icon Film der Woche: Mes – Lauf!

Der stumme Schrei nach Leben

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt