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Wann ist ein Kind ein Kind?

Susanne Dohrn • 19. July 2011

Lutz Stallknecht  / pixelio.de
Foto: Lutz Stallknecht / pixelio.de

Wir steigen ins Auto. Das Steuer ist rechts. Wir fahren rechts. Die Schilder sind gleich, ob in Hamburg, Helsinki, Pisa oder Peru. Selbst die Tankstellen sehen ähnlich aus. Plus: Wir können jederzeit losfahren. Einfache Regeln, die überall funktionieren, das ist ein Geheimnis des weltweiten Erfolgsmodells Auto. Wer hingegen in den Zug steigen will, muss Hürden überwinden: Die alten Regionalzüge sind wegen der steilen Stufen, die in den Waggon führen, schwieriger zu besteigen, als ein Kamel. Wenn es denn überhaupt gelingt, die Tür zu öffnen, bevor der Zug wieder anfährt.

Wollen Sie über Kiel oder Schleswig fahren

Wenn man denn überhaupt soweit kommt. Denn schon eine Fahrkarte zu kaufen kann sich als fast unüberwindbare Hürde darstellen. Ein Beispiel aus Schleswig-Holstein. Die Fahrt von Tornesch bei Hamburg nach Flensburg in Schleswig-Holstein dauert knapp zwei Stunden. Mit dem Auto schafft man es kaum schneller. Eigentlich perfekt. Doch der Kauf der Fahrkarte gestaltet sich schwierig. Im Internet geht es nicht. "Preisauskunft nicht möglich" heißt es lapidar auf den Seiten der Bahn. Also doch zum Automaten. Der will wissen: Wollen Sie über Kiel oder Schleswig fahren? Gute Geografiekenntnisse vorzugsweise auch des Streckennetzes der Bahn sind offensichtlich Voraussetzung beim Kauf einer Fahrkarte. Da ich darüber nicht verfüge, und das Reisebüro am Bahnhof geöffnet hat, gehe ich dorthin. Zum Glück ist nichts los, ich kommt gleich dran.

"Haben Sie eine Bahncard?"

"Ja."

"25 oder 50?"

"50."

"Dann kriegen Sie 25 Prozent Ermäßigung."

Die Mitarbeiterin schaut in ihren Rechner. Das reguläre Ticket würde um die 17 Euro kosten, mit der Ermäßigung, Hin- und Rückfahrt das Doppelte.

"Sie können aber auch eine Tageskarte nehmen."

Die kostet, so stellt sich heraus, 31 Euro.

Ich nehme die Tageskarte und schaffe sogar noch meinen Zug, allerdings nur, weil ich eine halbe Stunde eher am Bahnhof war.

Nur Bahn-Füchse kriegen das günstigste Ticket

"Die DB Ag hatte 2004 den Anspruch, ein einfaches Preissystem anzubieten", erklärt Heidi Tischmann, Bahnexpertin beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). "Inzwischen gibt es BahnCard 25 und BahnCard 50, dann die Kombination von BahnCard 25 mit Sparpreisen, dann das Dauerspezial mit 8 verschiedenen Preisstufen, das Europa-Spezial mit 5 Preisstufen, dazu Mitfahrerrabatte, wechselnde Sonderangebote wie Lidl-Tickets." Wer für sich das günstigste Ticket finden will, müsse schon ein Bahn-Fuchs sein, sagt die Expertin und fügt hinzu: "Eine solche Preisvielfalt schreckt die Leute ab."

Im Nahverkehr herrscht eine ähnliche Unübersichtlichkeit. In Berlin muss man sein Ticket erst "entwerten" bevor man losfahren kann. Dafür kann man sich einen Vorrat anlegen und muss nicht einem Fahrkartenautomaten, der gerade jegliches Kleingeld verweigert, eine Karte entlocken, während die S-Bahn den Bahnhof schon wieder verlässt. In anderen Städten, wie in Hamburg, bekommt man die Tickets schon gestempelt und muss dann auch zügig losfahren, damit man innerhalb ihrer Gültigkeit am Ziel ankommt.

45 verschiedene Verkehrsverbünde gebe es in Deutschland, sagt VCD-Bahnexpertin Tischmann, mit unterschiedlichen Preisen und Bedingungen: Wann ist ein Kind ein Kind? Kann ich mein Fahrrad mitnehmen? Gibt es Zeiten mit niedrigeren Preisen, z.B. ab 9 Uhr? Wenn sie von Berlin zu ihrem Bruder nach Lübben in Brandenburg fahre, gehe sie immer ins Reisebüro, weil sie nur dort das günstigste Ticket bekomme, sagt Heidi Tischmann.

Ein Ticket für alle Züge

Fazit: Wenn mehr Menschen vom Auto in die Bahn umsteigen sollen, muss es einfacher werden, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Der VCD fordert deshalb einen Taktfahrplan, bei dem man auf allen Knotenbahnhöfen innerhalb von wenigen Minuten in alle Richtungen umsteigen kann. Außerdem fordert der VCD einen Deutschland-Tarif. Heidi Tischmann: "Dann gibt es nur einen Fahrschein, der in allen öffentlichen Verkehrsmitteln gilt." Vorbild ist die Schweiz. Dort dürfen alle Züge auf einer Strecke mit jedem Fahrschein zum gleichen Preis genutzt werden, so die Bahnexpertin. Es spiele keine Rolle, ob es ein Nah- oder ein Fernverkehrszug ist oder welches Eisenbahnverkehrsunternehmen unterwegs sei. Tischmann: "Langfristig sollte das auch das Ziel für den Bahnverkehr in Deutschland sein." Als ersten Schritt fordert der VCD eine Aufwärtskompatibilität der Fahrscheine. Dann gelten alle Tickets in allen Zügen und für IC und ICEs werden Zuschläge erhoben, erhältlich im Zug ohne Aufpreis. Die BahnCard 100 wäre in allen Bussen und Bahnen gültig und es gäbe sie auch für Teilnetze.

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