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Scheidung vom Iran

Nils Michaelis • 14. July 2011

Vor dem Scheidungsrichter.
Vor dem Scheidungsrichter. Foto: Alamode Film

Bei der Berlinale räumte Asghar Farhadis Scheidungsdrama drei Bären ab. Diese Würdigung war auch ein politisches Statement gegenüber Iran. Dort ist die Zensur allgegenwärtig. Kritische Filmemacher werden mit Haftstrafen und Berufsverboten belegt. Wie etwa Jafar Panahi. Weil ihm die Reise zu den Internationalen Filmfestspielen verweigert wurde, berief ihn die Jury symbolisch in ihre Reihen. Immer wieder solidarisiert sich der Iraner Farhadi, der momentan in Deutschland lebt und arbeitet, mit den geknechteten Kollegen in seiner Heimat, ohne das Regime direkt anzugreifen. Eine Gratwanderung mit Folgen.

Der behutsame Verweis auf systemimmanente Schieflagen prägt auch diesen Film - umso kräftiger schwingen sie mit. Da die zweistündige Parabel unter Bedingungen der Unfreiheit entstanden ist, bleibt zu fragen, was sie trotz der Zensur zeigt. Die Antwort lautet: erstaunlich viel! Dass sich viele Iraner in Farhadis Gesellschaftsstudie - säkulare Mittelschicht trifft auf religiöses Proletariat - wiederfinden, belegt der millionenfache Erfolg an den Kinokassen und bei DVD-Verkäufen.

Iranische Fronten

Im Mullahstaat verläuft nicht nur eine Frontlinie zwischen dem klerikal-militärischen Establishment und der Opposition, sondern auch zwischen oben und unten, zwischen der liberalen und der ultrakonservativen Auslegung von Traditionen und damit zwischen Gegnern und Anhängern von Präsident Mahmud Ahmadinedschad - für Farhadi ein "stiller Bürgerkrieg". Immer wieder verarbeitet der 1972 geborene Regisseur und Drehbuchautor die Spaltung der von der Propaganda erträumten Einheitsfront in seiner Kunst.

Von jener bedrückenden Atmosphäre lebt auch "Nader und Simin". Werte und Sicherheiten werden infrage gestellt, wenn auch nicht jedem inneren Wandel Taten folgen können. Am dramatischsten wird das zu Beginn deutlich. Simin will mit der gemeinsamen Tochter ins Ausland gehen - Termeh soll nicht "unter diesen Umständen" aufwachsen, so die Mutter. Nader weigert sich, das Land zu verlassen. Wer soll sich sonst um seinen an Alzheimer erkrankten Vater kümmern? So landen Nader und Simin vor dem Scheidungsrichter. "Was denn für Umstände?", hakt der Richter nach. Simins Schweigen sagt alles.

Die Fassade bröckelt

Die Scheidung wird verweigert, der Traum vom neuen Leben ist aus. Ebenso wie das Familienleben. Die entschlossene Simin zieht, wenn auch schweren Herzens, zu ihren Eltern - ohne Termeh. Die Risse in Naders selbstbewusster Fassade werden immer größer. Sein Bild von sich und der Welt ist dahin. Als er für die Pflege seines Vaters die streng religiöse Razieh anheuert, nimmt das Drama seinen Lauf. Nicht nur für einen alleinstehenden Mann zu arbeiten, sondern auch Schamgrenzen zu überschreiten, stürzt sie in schwere moralische Konflikte. Außerdem darf ihr Mann nichts von dem Job erfahren.

Als Nader seinen Vater allein und hilflos auf dem Boden liegend vorfindet, eskaliert die Situation. Er bezichtet Razieh der Fahrlässigkeit und des Diebstahls, wirft sie schließlich aus der Wohnung. Kurz darauf erleidet die gleichermaßen kämpferische und verzweifelte Frau eine Fehlgeburt.

Oben gegen unten

Nader muss erneut vor Gericht. Während er sich als Opfer eines Rachefeldzugs sieht, versucht Raziehs Familie, zu ihrem Recht, dem "Blutgeld", zu kommen. Die Aggressionen von Raziehs von Gläubigern geplagten Gatten gelten auch Naders Mittelschichts-Leben. Razieh geht es vor allem darum, Naders Vorwürfe zu entkräften. Dass sie vorerst nur mit einem Teil der Geschichte herausrückt, macht die Lage umso verfahrener.

Farhadi gibt der Auseinandersetzung zwischen zwei Clans breiten Raum, ohne Partei zu ergreifen. Nader und Razieh sind Kinder gegensätzlicher Milieus. Trotzdem agieren sie als gleichberechtigte Individuen, die alles tun, um ihr Gesicht zu wahren.

Ausdauer wird belohnt

Wenn der Ursprung eines Konflikts vom Krieg der Schichten überlagert wird, kann das ziemlich zermürbend sein. So passt es zum Realitätsbezug von "Nader und Simin", dass dem Publikum viel Ausdauer abverlangt wird: Das intensive, von einer spröden Emotionalität getragene Kammerspiel, das sich vor allem in Naders Wohnung und im Gerichtssaal abspielt, lässt auch in Sachen Bildsprache kaum Verschnaufpausen. Während die Erwachsenen unablässig grübeln und streiten, scheint einzig die elf-jährige Termeh den Überblick zu behalten.

Gegen Ende vollzieht Razieh eine überraschende Wendung. Der dramaturgische Griff zeigt: Mögen verkrustete Strukturen bis ins Privatleben reichen, am Ende hat es der Einzelne in der Hand, die Dinge zum Guten oder zum Schlechten zu wenden. Es ist ein Triumph der individuellen Moral. Trotz all der düsteren Schwingungen macht Farhadis Film Hoffnung.

"Jodaeiye Nader az Simin"/ "Nader und Simin", Iran 2010, Regie/ Buch: Asghar Farhadi. Mit Leila Hatami, Peyman Moaadi, Sareh Bayat, Sarina Farhadi u.a., OmU, 123 Minuten. Mehr Informationen unter: www.alamodefilm.de

Kinostart: 14. Juli

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