Artikel (Archiv) > „Wir machen weiter“

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Brandanschlag bei den Falken

„Wir machen weiter“

Kai Doering • 08. July 2011

Schwer beschädigt: Das Anton-Schmaus-Haus am Tag nach dem Brandanschlag. Foto: Falken Neukölln
Schwer beschädigt: Das Anton-Schmaus-Haus am Tag nach dem Brandanschlag. Foto: Falken Neukölln

Sie hatten mit einem Übergriff gerechnet, aber der Brandanschlag übertraf ihre schlimmsten Erwartungen. "Wir dachten, die Rechten schmieren uns wieder Graffiti ans Haus oder ätzen ein Hakenkreuz in den Rasen", sagt Falken-Gruppenleiterin Mirjam Blumenthal. "All das haben wir schon gehabt." Doch diesmal gingen die Täter noch einen Schritt weiter. Mithilfe einer Holzpalette zündeten sie in der Nacht zum 27. Juni das Anton-Schmaus-Haus der Falken in Berlin-Neukölln an. Die Polizei geht von einer politisch motivieren Tat aus.

"Zum Glück war bei der benachbarten BVG gerade Schichtwechsel", erzählt Mirjam Blumenthal. Ein Mitarbeiter sah die Flammen und informierte die Feuerwehr. "Fünf Minuten später, und unser Haus hätte nicht mehr gerettet werden können." In der Nacht zuvor hatte im Haus noch eine Gruppe Kinder geschlafen. "Wäre das die Brandnacht gewesen, wären die Kinder erstickt", sagt Blumenthal.

Großer emotionaler Schaden

Für die Gruppenleiterin ist klar: "Der Brand war geplant." So gingen in derselben Nacht nicht nur fast zeitgleich über Berlin verteilt fünf mit dem linken Spektrum verbundene Objekte in Flammen auf. "Wir haben auch mehrfach Drohbriefe erhalten." Abschrecken lassen wollen sich die Neuköllner Falken dennoch nicht. "Wir machen weiter - jetzt erst recht", gibt sich Mirjam Blumenthal trotzig.

Sie möchte auch ein Signal für die Eltern setzen, die mittlerweile zweifeln, ob ihre Kinder bei den Falken noch sicher sind. Dieser "emotionale Schaden" sei immens. In den Sommerferien hätten im Anton-Schmaus-Haus eine Sommerschule und verschiedene Kurse vom Basteln bis zum Musikunterricht stattfinden sollen. Und obwohl nun erstmal Aufräumen auf der Tagesordnung steht, appelliert Blumenthal an die Eltern: "Nehmt Eure Kinder nicht aus den Gruppen raus!" Die Taktik der Brandstifter, die Angst und Unsicherheit verbreiten wollen, soll unter keinen Umständen aufgehen.

Der Bezirk streicht die Unterstützung

Knapp zwei Wochen nach dem Brandanschlag sind die Spuren des Feuers noch deutlich zu sehen. Die betroffenen Räume im Erdgeschoss und in der ersten Etage wurden zwar bereits weitgehend frei geräumt und ein Gerüst steht an der verkohlten Fassade. Doch im Innern herrscht noch immer beißender Brandgeruch, Scheiben sind zersprungen und zusammengekehrte Asche liegt auf dem Fußboden. "Der Rauch ist ins Holz gezogen", erklärt Mirjam Blumenthal. Das bedeutet: "Die komplette Verkleidung muss abgenommen werden, ehe die Räume wieder benutzbar sind."

Und während die ehrenamtlichen Helfer nun Tag für Tag das Haus durchforsten, aufräumen und schauen, was sie noch verwenden können, müssten sie eigentlich das geplante Zeltlager in Dänemark vorbereiten. "Am 23. Juli fahren wir mit 70 Kindern und Jugendlichen los", sagt Mirjam Blumenthal. "Daran wird nicht gerüttelt." Bei dem Brand wurde zwar auch ein Großteil der Zelte zerstört, doch die Falken sind zuversichtlich, dass sie sich Ersatz von befreundeten Organisationen ausleihen können. "Außerdem hoffen wir weiter auf Spenden."

Die Spendenbereitschaft und Solidarität war vor allem in den ersten Tagen riesig. Die Berliner SPD startete spontan einen Aufruf, Landeschef Michael Müller, Abgeordnetenhaus-Präsident Walter Momper und der Kreisvorsitzende von Neukölln Fritz Felgentreu spendeten jeweils 100 Euro. "Das Geld ist vor allem für unser Zeltlager enorm wichtig", betont Blumenthal.

Und obwohl auch die Versicherung bereits zugesagt hat, einen Großteil des Schadens am Haus zu übernehmen, ist die Weiterarbeit der Falken gefährdet: Das Bezirksamt hat mehr als 60 freien Trägern in Neukölln zum 30. September die Verträge gekündigt. Das Anton-Schmaus-Haus der Falken ist ebenfalls betroffen, hofft aber wie alle andren Einrichtungen, dass die Kündigung wie auch im vergangenen Jahr wieder zurückgenommen wird. Den zwei hauptamtlichen Mitarbeitern musste trotzdem vorsorglich gekündigt werden, und das in einer Zeit, in der es ohnehin an gutem und qualifizierten Fachpersonal mangelt.

Die Falken lassen sich trotzdem nicht beirren. "Wir machen weiter wie bisher", verspricht Mirjam Blumenthal, "gerade jetzt".

Spendenkonto:
SJD-Die Falken KV Neukölln
Postbank Berlin
BLZ: 100 100 10
Konto: 560 79 106
Zweck: Soforthilfe ASH

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“