Ein Bahnhof auf dem Land, in der bei Touristen beliebten ehemaligen Freien Reichsstadt Schwäbisch Hall: ein vergammeltes, einstmals eindrucksvolles Gebäude, die Türen verrammelt. An einer hängt ein Schild, das auf Toiletten im Parkhaus hinweist. Das Parkhaus ist weit und für Ortsfremde kaum zu finden. Beim Warten im eisigen Wind und peitschenden Regen stelle ich mir vor, wie sich ältere Menschen mit Gepäck dorthin auf den Weg machen.
Kommen sie zurück, ist ihr Zug vermutlich weg. Natürlich ist der Bahnsteig völlig verdreckt, zwischen den Gleisen wächst Gras, das sich tapfer durch den Müll kämpft. Fahrkarten oder Auskünfte gibt es keine, auch in den Zügen nach Heilbronn oder Crailsheim nicht. Denn Zugbegleiter gibt es schon lange nicht mehr. An den Fahrkartenautomaten (wenn sie denn funktionieren) scheitert nicht nur die ältere Generation häufig.
Es gibt noch einen zweiten Bahnhof weit draußen im Vorort Schwäbisch Hall - Hessental. Von dort fahren Züge in die weite Welt, etwa nach Stuttgart oder Nürnberg. Fahrkarten und Auskünfte aber gibt es nur zu bestimmten Zeiten.
Wer nach Künzelsau, einer wohlhabenden Kreisstadt mit viel Industrie im Kochertal, möchte oder muss, landet erst mal im Nirgendwo, kommt mit der Bahn nur bis Waldenburg. Mit etwas Glück wartet ein Bus für die letzten 12 km. Auch Künzelsau hatte einst einen Bahnhof. In meiner Jugend transportierte ein roter Triebwagen die Schüler, die Pendler und jene, die in der nächstgrößeren Stadt einkaufen wollten. Heute gilt, wie in so vielen Orten: Wer kein Auto hat, wird zwangsweise sesshaft.
Aus der Welt der ICs oder ICEs kommend, erlebt der Reisende auf dem Lande also Abenteuerfahrten. Zwar hat sich der Zustand der Züge verbessert - vor nicht allzu langer Zeit konnte man sich noch auf Dritte-Welt-Feeling einstellen, stinkend, dreckig, mit zerschlissenen oder aufgeschlitzten Polstern und vor Schmutz blinden Fensterscheiben - spannend aber ist die Reise immer noch. Denn die Regionalzüge fahren in der Regel pünktlich. Das ist schön. Aber sie warten eben häufig nicht auf die dauerverspäteten Fernzüge. Und so sitzt man im ICE, knobelt nervös mit dem Zugbegleiter gemeinsam, wie man weiterkommt, wenn aus den schon angekündigten gewohnten zehn Minuten Verspätung dann doch noch 15 oder 20 Minuten werden. Wer Pech hat, schaut nach wilder Jagd mit Gepäck vom Gleis 9 zu Gleis 2 wütend den Rücklichtern des Regionalexpress hinterher.
Dagegen ist es dann nur ein kleines Ärgernis, dass die Bahn zwar 1. Klasse-Tickets bis zum Zielort ausstellt, die entsprechenden Wagen aber fehlen. Die Dankbarkeit, für teures Geld tatsächlich
transportiert zu werden, überwiegt. Und wer gerade aus einem IC oder ICE mit kaputter Klimaanlage kommt, der freut sich, dass man in der Regionalbahn wenigstens die Fenster öffnen kann.







