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Kein Entkommen

Franz Viohl • 07. July 2011

Foto: Merlin-Verlag
Foto: Merlin-Verlag

Einen "leidenschaftlichen Erzähler" nennt ihn der Stiftungsrat des Börsenvereins, der dem algerischen Schriftsteller am 16. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleihen wird ( hier zum Artikel über die Preisverleihung). Boualem Sansal befördere auf geistreiche und mitfühlende Weise die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen. Wie groß sein Einfühlungsvermögen ist, zeigt Sansal in seinem Roman "Das Dorf des Deutschen". In der Konfrontation mit dem Ungeheuerlichen siegt das Gefühl über das Verstehen. Tiefer aber kann das Verstehen nicht sein.

Eine furchtbare Entdeckung

Rachel ist ein erfolgreicher Mann mittleren Alters, der eine hohe Stellung in einem großen französischen Unternehmen innehat. Sein Name ist die Verbindung von Rachid und Helmut, denn seine Mutter ist Algerierin und sein Vater Deutscher. Er wächst bei seinem algerischen Onkel in einer Pariser Vorstadt auf und interessiert sich kaum für seine Familiengeschichte - bis zu einer grauenvollen Entdeckung.

Aus seinen Tagebüchern erfahren der Leser und sein jüngerer Bruder Malrich, wie für ihn so plötzlich eine Welt zusammenbrechen konnte. Als er die Nachricht vom Tod seiner Eltern erhält, die bei einem Massaker im algerischen Dorf A ïn Deb umkamen, macht er sich auf den Weg in das "Dorf des Deutschen". Sein Vater Hans Schiller war dort als Dorfscheich beliebt und wegen seines "Organisationstalents" Namensgeber der Enklave. Rachel findet in dem Haus der Eltern einen Koffer mit Unterlagen. Er kann es nicht fassen: Sein Vater war Chemiker in Auschwitz und Mitglied der Waffen-SS.

Für Rachel beginnt eine "Reise in das Herz des Schreckens". Auf den Spuren seines Vaters, zuletzt Widerstandskämpfer im algerischen Bürgerkrieg, besucht er dessen Geburtsstadt Uelzen, dann Istanbul, Kairo und schließlich Auschwitz. Dort erkennt er: "Kein Wissen, keine Intelligenz, keine Sensibilität, keine Einbildungskraft ragt an das heran, was die Erfahrung der Vernichtung in den Kopf der Deportierten eingegraben hat." An dieser Erkenntnis zerbricht er, weil er sich schuldig fühlt für die Taten seines Vaters.

Kampf und Kapitulation

Auch sein Bruder Malrich sieht sich als Erbe dieser grenzenlosen Schuld. Er weigert sich aber, an ihr zu verzweifeln. Er will etwas tun gegen das Böse schlechthin - in seiner Welt sind das die Imame der Cité, die den Mord an einer "unkeuschen" jungen Frau zu verantworten haben. Für ihn wird die Cité zum Konzentrationslager: Ständig ist man an die Einhaltung der Lagerordnung gemahnt, selbst die Länge des Barts wird von den Imamen überwacht, nur noch die Gaskammern und Öfen fehlen. In seinem Wahnsinn versucht er, seine Freunde zum "Gegen-Dschihad" anzustiften.

Den Leser beunruhigen diese Vergleiche von NS-Herrschaft und islamistischem Fundamentalismus, auch wenn sie nur dem subjektiven Empfinden des jungen Mannes entspringen. Ob Sansal in diesem Roman aber über die Warnung, das Böse sei "in uns", hinausgehen will, muss bezweifelt werden. In der brillanten Schilderung von Rachels Verzweiflung wird das Mitgefühl zum einzigen und immer gültigen Mittel gegen das Ungeheuerliche. Rachel aber kann diese Einsicht nicht ins Positive wenden und vergast sich in seiner Garage. Wie die Opfer seines Vaters wollte er sterben. Mit dieser finalen "Liebesgeste" bittet er sie um Vergebung.

Ignoranz der Verantwortlichen

Auch das Massaker im "Dorf des Deutschen" wird noch einmal zum Thema und damit die Realität des algerischen Bürgerkriegs. Sansal lässt die Brüder Kritik an der algerischen Regierung üben, indem sie vom Außenminister Aufklärung über die Tat fordern. Eine Antwort bekommen sie nie. Wegen solcher Äußerungen gilt Boualem Sansal in seinem Heimatland als persona non grata. Trotzdem lebt er in Algerien.

Rachels Verzweifeln und Malrichs Auflehnen sind gleichermaßen Ausdruck von Sansals traurig-mutigem Anschreiben gegen die Missstände. Vielleicht haben wir sie nicht alle zu verantworten, aber es liegt an uns, sie abzuschaffen, so die Botschaft. Der Friedenspreis für Sansal ist hochverdient, sein Schreiben ist ergreifend.

In Auschwitz begegnet Rachel einer alten Frau, deren Schwester dort ermordet wurde. Sie fragt ihn, ob auch er Angehörige im Holocaust verloren habe. "Ja, mein Vater hat Birkenau und andere Lager durchgemacht. Er ist wie durch ein Wunder gerettet worden." Später denkt er, durch diese Lüge hat er der Frau ihre Würde genommen. Und sich selbst.

Boualem Sansal, "Das Dorf des Deutschen. Das Tagebuch der Brüder Schiller", Deutsch von Ulrich Zieger, Merlin-Verlag, Gifkendorf 2009, 279 Seiten, 22,90 Euro, ISBN 978-3-87536-281-7

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