Sie heißen Konzerthaus, Musikzentrum, Beethoven-Festspielhaus oder Elbphilharmonie und kosten 50, 100 oder 300 Millionen Euro. Viele Bürger reiben sich die Augen und fragen: Sollten die Millionen nicht lieber in die Bildung gesteckt werden, in Kinderbetreuung oder die Beseitigung von Schlaglöchern? "Ich fahre lieber auf einer schlechten Straße in ein gutes Konzert als umgekehrt", sagt Hans-Georg Küppers.
Bis 2007 war er Kulturdezernent in Bochum, ist nun Kulturreferent in München und behauptet: "Über Sparmaßnahmen im Kulturbereich saniert man keinen Haushalt." Umgekehrt werde ein Schuh draus: "Wenn man in Städten nicht auf die Weiterentwicklung der Kultur setzt, ist es um ihre Zukunftsfähigkeit schlecht bestellt." Kultur sei eine Investition in die Köpfe, sie bringe die Städte im Hinblick auf Wirtschaft und Ausbildung nach vorn. Ein attraktives Kulturangebot ziehe Firmen und Management an. Kurz: keine Wirtschaftsentwicklung ohne hochwertiges Kulturangebot.
Kultur als Impuls für Wirtschaftsentwicklung, wie das funktioniert, zeigt Dortmund. Der Strukturwandel hat die alte Industriestadt gebeutelt. "Im April 2001 schloss das letzte Stahlwerk. Noch
einmal wurden 10 000 Kollegen arbeitslos", erzählt Stadtdirektor Jörg Stüdemann. Er ist für die Kultur der Stadt zuständig und seit 2010 als Kämmerer auch für die Finanzen. Eine seltene
Kombination, aber keine mit Widersprüchen: "Entweder man ist Anwalt der Kultur oder man ist es nicht", sagt Stüdemann. Das Beispiel Dortmund zeigt, wie Kultur Stadtentwicklung voranbringen kann.
Geschenkt ist noch zu teuer
2002 eröffnete Dortmund sein Konzerthaus mitten in einem Problemviertel. Baukosten: 48 Millionen Euro. 1500 Plätze. Anfangs heftig umstritten, hat der Bau dazu beigetragen, aus dem Viertel
einen lebendigen Stadtteil zu machen mit Gastronomie, Geschäften, Diskotheken, einem Jazzclub und viel freier Szene. Stüdemann nennt das Konzerthaus deshalb eine "Wegmarke für die Zukunft". Mit
einer Auslastung von mehr als 70 Prozent verkauften Karten sei das Haus vorbildlich in Deutschland. Zulasten der freien Kulturszene geht die Investition ebenfalls nicht. Dortmund will die freie
Szene demnächst mit einer Million Euro zusätzlich fördern.
Der Erfolg gibt Dortmund Recht und die Geschichte könnte hier enden. Aber so einfach ist das nicht. Andere Städte stecken noch mittendrin in der Debatte. In Bonn fühlt man sich dem Erbe Ludwig
van Beethovens verpflichtet, der 1770 hier geboren wurde. Ein neues Beethoven-Festspielhaus ist geplant, denn die für ihre Akustik einst so gelobte alte Beethovenhalle ist in die Jahre gekommen.
Das Geld für den Neubau müsste die Stadt nicht aufbringen - Bonner
Unternehmen wollen die Baukosten spenden -, wohl aber den jährlichen, einstelligen Millionenbetrag für den Betrieb. Das ist in Zeiten knapper Kassen, wie sie in Kommunen seit Jahren
herrschen, kein Pappenstiel. Sollte Bonn es im Juli schaffen, einen ausgeglichenen Haushalt zu verabschieden, könnte es grünes Licht für das Beethoven-Festspielhaus geben.
Bochum steht derzeit eher vor der gegenteiligen Frage: "Kann die Stadt es sich leisten, ihren überragenden kulturellen Ruf den Sparzwängen zu opfern?", wie Kulturdezernent Michael Townsend es formuliert. Es geht um den Bau eines Musikzentrums. Wie Bonn bekäme Bochum den Bau fast geschenkt und das große Sinfonieorchester der Stadt endlich eine eigene Aufführungsstätte. Von den 33,3 Millionen, die der Bau kosten soll, müsste die Stadt lediglich 2,4 Millionen aufbringen, sowie später 350 000 Euro jährlich für den Unterhalt. Den Rest übernehmen EU, Land und private Spender.
Baut Bochum nicht, sei die Einsparung minimal, der Schaden aber maximal, weil die Gelder nicht für andere Zwecke zur Verfügung stehen, so Townsend. "Bochum als größter und exzellentester Wissenschaftsstandort der Region braucht ein entsprechendes Umfeld." Zum Jahreswechsel soll entschieden werden. Zulasten der Bildung geht der Bau jedenfalls nicht. Gerade wurde in Bochum der Grundstein für ein neues Gymnasium gelegt. Kosten 32 Millionen Euro.
Bleibt die Elbphilharmonie in Hamburg - der spektakulärste Neubau. Eine Welle aus Glas, die sich am westlichsten Punkt der neu gebauten Hafencity über einem Kaispeicher erhebt. Herz der
Anlage ist ein säulenfreier Konzertsaal für 2150 Besucher mit der Bühne in der Mitte, so dass man von jedem Platz aus gleich gut sehen kann. Statt kalkulierter 186 Millionen Euro soll die
Elbphilharmonie nun 323 Millionen kosten. Mehr als60 Millionen Euro davon haben private Spender aufgebracht.
Für 20 Euro in die Philharmonie
Die Kostensteigerung hat die Stadt gespalten. Das Geld werde anderweitig gebraucht, ein Tempel für die Hochkultur werde das, den sich normale Bürger nicht leisten könnten, so einige
Vorwürfe. Die neue Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler, die das Projekt vom schwarz-grünen Vorgängersenat geerbt hat, weist solche Argumente zurück "Soll ich das Bauvorhaben einstellen,
weil die Baukosten gestiegen sind?" Das würde die bereits getätigten Investitionen im Nachhinein sinnlos machen.
Es werde auch kein Konzerthaus ausschließlich für die Hochklassik, sagt die Senatorin. Man bekomme auch Karten für 20 Euro. Selbst wer kein Musikfan ist, hat etwas von dem Bau. Im 8. Stock, wo die Glasscheiben beginnen, wird sich ein frei zugänglicher Rundweg befinden. Von dort haben Besucher einen spektakulären Blick auf die Elbe, die Stadt und den Hafen.
In der Elbphilharmonie wird außerdem das "Klingende Museum" untergebracht, in dem Kinder Instrumente ausprobieren können. Musikpädagogik für Kinder und Jugendliche, Jazz, Pop und Weltmusik sollen in dem Gebäude stattfinden. Für Veranstaltungen mit weniger Zuhörern gibt es einen kleinen Konzertsaal mit 550 und ein Studio mit 170 Plätzen. Die jährlichen Betriebskosten sind mit 3,2 Millionen im Vergleich zu denen der Oper mit 49 Millionen überschaubar, denn die Elbphilharmonie muss kein festes Ensemble, keine Bühnenbildner und Werkstätten bezahlen. Zulasten der Kulturförderung in andern Bereichen geht der Bau auch nicht. Barbara Kisseler: "Der Senat widmet an keiner Stelle Geld aus dem Kulturetat um, um die Elbphilharmonie realisieren zu können. Es gibt eine klare Ansage des Bürgermeisters, dass die Betriebskosten der Elbphilharmonie nicht zulasten des Kulturbereichs gehen werden."
Ohnehin scheint jetzt, wo die Außenfassade fast fertig wird, manch hartgesottener Gegner seine Meinung zu ändern. Die wöchentlichen Baustellenführungen sind Monate voraus ausgebucht. Barbara
Kisseler: "Nicht jeder Baustellenbesucher wird vom Saulus zum Paulus, aber bei neun von zehn ändert sich die Sichtweise. Es gibt auch eine langsame Annäherung an das Glück."







