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Die Natur ist stärker als Stalin

Nils Michaelis • 30. June 2011

Wo bitte geht's hier Richtung Westen? Die Männer auf der Flucht aus dem Gulag. Foto: © www.splendid-film.de
Wo bitte geht's hier Richtung Westen? Die Männer auf der Flucht aus dem Gulag. Foto: © www.splendid-film.de

Hunger, Kälte und Seuchen: Ein bis zwei Jahre betrug die durchschnittliche Überlebensdauer in Stalins Lagern fernab jeder Zivilisation. Doch auch auf der anderen Seite des Stacheldrahts lauert der Tod. "Es ist Sibirien, das euch zu Gefangenen macht, nicht unsere Waffen!": Mit diesen einschüchternden Worten des Aufsehers tritt der polnische Leutnant Janusz sein Lagerdasein im Fernen Osten Russlands an. Dass er mit einer Gruppe von Häftlingen dennoch den Ausbruch wagt, ist daher nicht nur ein Akt des Widerstands gegen Terror und Repression. Es geht um den blanken Überlebenswillen, auch wenn eine Flucht bei 70 Grad unter null nach einem Akt des Wahnsinns klingt.

Das Leinwandepos von Regisseur Peter Weir ("Die Truman Show", "Der Club der toten Dichter") basiert im Wesentlichen auf den Erinnerungen von Slawomir Rawicz. 1956 unter dem Titel "Der lange Weg" veröffentlicht, wurde das Buch über die ein Jahr währende Flucht des polnischen Gulag-Insassen aus einem Lager bei Jakutsk über den Baikalsee, die Mongolei, die Wüste Gobi und Tibet bis nach Indien zu einem Welterfolg. Nach seinem Tod im Jahr 2004 stellte sich heraus, dass der Autor offenbar die Erfahrungen anderer polnischer Ex-Häftlingen verarbeitete, die ihm im Nahen Osten begegnet waren. Dort schloss sich Rawicz polnischen Armeeverbänden an, nachdem er über eine Amnestie Stalins frei gekommen war und sich auf eigene Faust von Sibirien über Iran in Richtung britisches Mandatsgebiet durchgeschlagen hatte - ebenfalls unter mörderischen Bedingungen.

Zu Fuß nach Indien

Vor diesem Hintergrund ist es konsequent, dass sich dieser Film aus mehreren Quellen speist und fiktionale Elemente einstreut, anstatt nur Jawiczs Bestseller zu folgen. So flossen auch Interviews mit früheren sowjetischen Lagerhäftlingen in das Drehbuch ein. Weir und sein Co-Autor Keith R. Clarke schicken sieben Männer und eine Frau auf die 6500 Kilometer lange Reise von der Lena bis nach Indien, um aus mehreren Perspektiven zu beleuchten, welchen Intentionen der Einzelne folgt, um die widrige Außenwelt des Lagers zu überwinden.

Schillernder könnten die Charaktere nicht sein: Da ist der idealistische Janusz (Jim Sturgess), den einzig der Wunsch am Leben erhält, seiner Frau die Denunziation bei der Geheimpolizei zu vergeben. Oder der gleichsam stoische wie entschlossene US-Ingenieur Mister Smith (Ed Harris) - noch im Lager riskierte er sein Leben, um Leben zu retten. Und schließlich der dümmlich-brutale Killer Valka (Colin Farrell). Gleich einem Wolf unterwirft er sich nur der Hierarchie, die er anerkennt. Erst die Begegnung mit der ebenfalls flüchtigen Irena (Saoirse Ronan) macht aus dem Haufen so etwas wie eine Gemeinschaft. Deren Zusammenhalt wird besonders im dramatischen Überlebenskampf jenseits der sowjetischen Grenzen herausgefordert.

Statisten in der Wüste

Gerade während der Wanderung durch die Steppen der Mongolei und die Wüste Gobi gewinnt "The Way Back" an Kraft und Intensität. Die Natur wird als Gegenspieler von Menschen inszeniert, die ein totalitäres System überlisteten. Doch Sandstürmen, Hitze und Durst sind sie kaum gewachsen. Dass Janusz und seine nach und nach dezimierten Leidensgenossen bisweilen wie Statisten erscheinen, liegt auch an den erhabenen Landschaftsaufnahmen. Sie entstanden in Bulgarien, Marokko und dem indischen Darjeeling. Glücklicherweise kommen sie ohne falsches Pathos und musikalischen Kleister aus - man meint, die Handschrift der beteiligten Produktionsfirma National Geographic Films zu erkennen. Dass einige Schauplätze ikonografisch überfrachtet sind, tut der Wirkung keinen Abbruch.

Was die Nöte eines von Zwängen geplagten Individuums oder das Aufeinanderprallen von Kulturen betrifft, bewegt sich Regisseur Weir auf vertrautem Terrain. Umso mehr erstaunt es, dass "The Way Back" jenseits der unkonventionellen Bildgewalt ein Gefühl der Leere und Ermüdung zurück lässt. Im Dienste des Spannungsbogens wäre ein weiterer Handlungsstrang dringend nötig gewesen. In gewöhnlichen Kino-Dramen hätten hartnäckige Verfolger diesen Part übernommen.

Ankunft im Mainstream

Hinzu kommt, dass auch die Figurensprache wenig zur erzählerischen Dynamik beiträgt. Es genügt nicht, immer wieder Januczs Vision mitzuerleben, eines Tages wieder seine Gattin in die Arme zu schließen, um die psychologische Ebene des Gewaltmarschs zu berühren.

Aus dem individuellen Bewusstsein unter extremen Bedingungen eine kontrastierende Ebene zu entwickeln, wäre für einen Film, der unkonventionell sein will, ein ungeheures Pfund gewesen. Ebenso wie das Konfliktpotenzial innerhalb der Gruppe wurde es verschenkt. Deswegen findet sich das Publikum schlussendlich nicht nur inmitten idyllischer Teefelder am Fuß des Himalaya, sondern auch in den Niederungen des Mainstreams wieder.

"The Way Back - Der lange Weg" (USA 2010), 133 Minuten, Regie: Peter Weir, Drehbuch: Peter Weir und Keith R. Clarke (nach der Vorlage von Slavomir Rawicz), mit Colin Farrell, Ed Harris, Jim Sturgess, Saoirse Ronan u.a., Kinostart: 30. Juni

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