Es waren die römischen Geschichtsschreiber, die zuerst den Begriff des Baltikums wählten, um den Raum östlich des freien Germaniens zu benennen. Sie bezogen sich dabei auf die dort ansässigen Völker der Balten. Das Baltikum ist geprägt von einer wechselhaften Geschichte, die vom Deutschen Orden, von Polen, Schweden und Russen maßgeblich fremdbestimmt wurde.
"'Das Baltikum' gibt es gar nicht"
Geeint wurde das Baltikum indes nicht. Es erstreckt sich heute über Litauen, Lettland und Estland, aber auch über Teile Polens und Russlands. Von den namensgebenden baltischen Völkern existieren nur noch Letten und Litauer. Ansonsten dominieren Esten, Russen und Polen das Baltikum über weite Gebiete.
So kommt Robert von Lucius zu dem Schluss: "'Das Baltikum' gibt es gar nicht." Litauen orientiert sich stark an seiner mittelalterlichen Geschichte. Auf internationaler Ebene zeigt es sich verantwortlich für osteuropäische Staaten, die auf dem Territorium des ehemaligen Großfürstentums Litauen entstanden sind. In einer "Achse der Freiheit" nimmt das kleine Litauen Einfluss auf den demokratischen Widerstand in Weißrussland, auf die Ukraine, Polen, Armenien und Georgien. Spätestens seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion versteht sich Litauen als Europas demokratischer Außenposten.
Estland hingegen sucht den Schulterschluss mit den kulturell verwandten nordischen Staaten. Lettland, die eigentliche Brücke zwischen Ost und West, schwankt zwischen der wirtschaftlichen Umklammerung weniger, von Russland gesteuerter Oligarchen und einer Einladung an alle Deutschbalten zur Rückkehr - in ein Land, das kaum noch von deutscher Kultur geprägt ist.
Zukunft EU und Nato
Das einzige, das die drei baltischen Staaten zwanzig Jahre nach ihrer Unabhängigkeit von Moskau eint, ist die Abkehr von Russland. Sie suchen ihre Zukunft im Europa der EU und der Nato. Die Beziehungen zu Russland gestalten sich schwierig: Das Drosseln von Gaslieferungen, Russlands Weigerung die baltische Sowjetzeit als Besatzung zu erklären und die Diskriminierung der russischen Minderheiten in Lettland und Estland belasten das Verhältnis.
Robert von Lucius, langjähriger Auslandskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), hat mit seinem Bericht "Drei baltische Wege" den Versuch unternommen, Kultur und Geisteshaltung der Region einzufangen. Einige der Essays wurden bereits in der FAZ publiziert und für das Buch überarbeitet, andere sind für das Buch verfasst. Lucius rückt die Vielfalt, nicht die Einheit der drei Nachbarländer, in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Und er rechnet - durchaus unorthodox - Estland, Lettland und Litauen ganz selbstverständlich Mitteleuropa zu.
Lebendiges Porträt
Für Lucius haben der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Beitritt zu den westlichen Bündnissystemen und die jüngste Weltwirtschaftskrise die Republiken im Osten am nachhaltigsten geprägt. Sie haben sich dabei flexibel gezeigt und innovativ, aber auch exklusiv: Dem schnellen Fortschritt können vor allem in Estland die Alten, die sozial Schwachen und die Minderheiten nicht folgen. Gesellschaftliche Probleme wie die höchste AIDS-Rate Europas oder Altersarmut werden verdrängt.
Der umfassende Bericht Lucius' ist vielseitig und informativ, dabei nicht zu überbordend mit Fakten versehen. Ergänzt wird der Text mit zahlreichen wirklich gelungenen Fotografien von Dirk Bleyer. So entsteht ein lebendiges Porträt einer Region auf dem Weg zu sich selbst und in die Zukunft. Europa war lange nicht mehr so spannend.
Robert von Lucius: "Drei baltische Wege. Litauen, Lettland, Estland - zerrieben und auferstanden", Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2011, 208 Seiten, 22,90 Euro, ISBN: 978-3-89812-822-3







