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Icon   Rezension; Joseph Vogl: "Das Gespenst des Kapitals"

„Das Gespenst des Kapitals“

Julian Zado • 27. June 2011

Foto: diaphanes Verlag
Foto: diaphanes Verlag

Vogel geht der Frage nach, ob die sogenannten Exzesse des Wirtschaftssystems krisenartige Ausnahmephänomene oder doch strukturell bedingt sind. Dabei greift er immer wieder auf Vergleiche, Bilder und Abstraktionen aus Philosophie und Kulturwissenschaft zurück. Gleich am Beginn seiner Ausführungen vergleicht er den Finanzkapitalismus mit dem Roman "Cosmopolis" von Don DeLillo aus dem Jahr 2003. Vogel fasst die Geschichte des Romans zusammen und interpretiert sie als Bild für die abstrusen und teilweise skrupellosen Machenschaften der Finanzökonomie.

Literatur erklärt Finanzsystem

Damit gelingt es Vogl, so manche Perversität des Systems exakt herauszuarbeiten und an den Pranger zu stellen. Er erklärt, dass es nicht um gegenwärtige Verhältnisse, sondern nur um künftige potentielle Gewinne geht. Allerdings wird hier auch eine Schwierigkeit deutlich, die sich durch den ganzen Essay zieht: Die literarische Bearbeitung macht es teilweise schwierig, dem Erzählgang zu folgen.

So taugt DeLillos Roman sicherlich als gutes Bild um Zusammenhänge im Finanzkapitalismus zu verdeutlichen. Das funktioniert aber eher schlecht, wenn der Leser nur Vogls Zusammenfassung des Romans, nicht aber diesen selbst kennt. So lebt Vogls extrem kenntnisreicher Text zwar von Bezügen und Vergleichen. Folgen kann der Leser aber nur, soweit er die Originaltexte kennt.

Theorie dem gewünschten Ergebnis angepasst

Inhaltlich beschreibt Vogl die zentralen Funktionsmechanismen des modernen Kapitalismus: den Markt, das Weltwährungssystem und die Entstehung von Handelsbeziehungen. Gerade bei letzteren gelingt es Vogl zu verdeutlichen, wie künstlich die Systeme sind, die von vielen Wirtschaftswissenschaftlern als naturwüchsig präsentiert werden. Viele Theorien gingen von Akteuren mit bestimmten Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnissen aus, blieben eine empirische Untermauerung aber schuldig, kritisiert Vogel.

So entlarvt er den Grund dafür, warum viele Theorien, die stabile Märkte voraussagen, von der Realität immer wieder widerlegt werden: Allzu oft werden die unterstellten Voraussetzungen dem gewünschten Ergebnis einer Theorie angepasst, statt dass sich die Theorie an der Beobachtung der Wirklichkeit orientieren würde.

Vogls Essay ist insgesamt empfehlenswert für alle, die sich mit wirtschaftlichen Strukturen und ihrer Hinterfragung befassen möchten. Es sollte aber beachtet werden, dass die Lektüre über weite Strecken ein erhebliches Vorwissen verlangt.

Joseph Vogl: "Das Gespenst des Kapitals", diaphanes Verlag, Zürich 2011, 224 Seiten, 14, 90 Euro, ISBN 978-3-03734-116-2

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