vorwärts.de: Die SPD-Bundestagsfraktion möchte mehr Studenten an die Hochschulen bringen. Warum eigentlich?
Swen Schulz: Wir sehen ja jedes Semester, dass es viel mehr Interessierte gibt, die ein Studium beginnen wollen als Studienplätze vorhanden sind. Wir wollen, dass sich jeder
seinem Wunsch und seinen Fähigkeiten entsprechend qualifizieren kann. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Die Wirtschafts- und Arbeitswelt zeigt zudem, dass es eine immer größere Nachfrage nach
qualifizierten Kräften gibt. Mehr Akademiker sind also auch im volkswirtschaftlichen Interesse unseres Landes. Der Bedarf der Unternehmen an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, aber auch
Geisteswissenschaftlern, die gerne vergessen werden, ist riesig. Wenn wir es nicht schaffen, ihn zu decken, werden wir auch als Wirtschaftsstandort arge Probleme bekommen. Wir stehen schließlich
nicht deshalb so gut da, weil wir viele Bodenschätze haben, sondern weil die Menschen so viel können.
Probleme gibt es immer noch beim Übergang von der Hochschule in den Job. Was kann man dagegen tun?
Wichtig ist, dass diejenigen, die einen Hochschulabschluss haben, auch adäquate Berufschancen erhalten. Schon der Bachelor-Abschluss soll berufsqualifizierend sein. Doch die Chancen für die
Absolventen sind noch nicht optimal. Viele studieren deshalb "zur Sicherheit" noch weiter und machen einen Master-Abschluss. Die Wirtschaft beginnt aber langsam, umzudenken. Vieles ist da auf
einem guten Weg. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Arbeitslosenquote unter Akademikern besonders niedrig ist. Bildung lohnt sich - dieser Grundsatz gilt nach wie vor.
Trotzdem drehen viele Hochschulabsolventen nach dem Abschluss eine Praktikumsschleife nach der nächsten.
Ja, das ist in der Tat ein großes Problem. Es gibt viele Fälle, in denen Absolventen als Praktikanten für wenig oder gar kein Geld die Arbeit einer Vollzeitstelle verrichten. Das ist
Ausbeutung und Betrug am Sozialsystem. Wir wollen deshalb schon lange die Rechte von Praktikanten stärken und im Gesetzestext festschreiben, dass es sich bei Praktika um Lernverhältnisse handelt
und Praktikanten, wenn es zum Konflikt kommt, auch ihre Rechte gegenüber ihrem Arbeitgeber besser durchsetzen können. Leider hat die CDU schon zu Zeiten der großen Koalition gemauert. Und auch
bei der jetzigen Bundesregierung sehe ich nicht, dass sich in diesem Bereich etwas tut.
Um den Bedarf an Fachkräften zu decken, hat die Bundesregierung stattdessen im März ihre Vorschläge für ein Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse vorgelegt. Was ist das
Ziel?
Das Gesetz soll ein Beitrag dazu sein, die Potenziale der Menschen, die in Deutschland leben, besser zu nutzen. Große Teile der Wirtschaft und auch die Bundesregierung begnügen sich aus
meiner Sicht damit, günstige Fachkräfte von außen zu importieren. Ich möchte beides nicht gegeneinander ausspielen. Zuwanderung ist wichtig und wird es bleiben, aber wir müssen darauf achten,
dass alle nach ihren Fähigkeiten eingesetzt und unterstützt werden. Zuwanderung und Qualifikation sind zwei Seiten derselben Medaille, wenn wir über Fachkräftemangel sprechen. Die Menschen wollen
arbeiten und sich einbringen. Bisher wird es ihnen leider allzu oft durch unsere Rechtslange verwehrt. Ein Gesetz zur Anerkennung von Berufsabschlüssen ist deshalb auch aus dem Blickwinkel der
Integration wichtig.
Sind Sie mit dem vorliegenden Entwurf zufrieden?
Der Gesetzentwurf war überfällig. Wir haben die Bundesregierung lange dazu gedrängt, Vorschläge zu machen. Endlich ist sie dem nachgekommen. Die Vorlage ist ein guter Schritt in die
richtige Richtung. Allerdings gibt es noch einige Leerstellen. Offen ist zum Beispiel die Frage, was passiert, wenn ein Abschluss nur zum Teil anerkannt wird. Aus meiner Sicht muss es
Anschlusslehrgänge geben, damit der Bewerber die Lücken füllen kann, die ihm zu einem Abschluss nach deutschen Standards fehlt. Hier lässt der Gesetzentwurf völlig offen, wer einen solchen
Lehrgang anbietet und wie er finanziert wird. Da wollen wir in der parlamentarischen Beratung klare Antworten haben. Darüber hinaus wollen wir auch Finanzierungsmöglichkeiten durchsetzen, damit
sich alle, die einen Anschlusslehrgang brauchen, ihn sich auch leisten können.
Interview: Kai Doering
Swen Schulz ist Bundestagsabgeordneter aus Berlin-Spandau und stellvertretender bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.







