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Ein Aufschrei des Mitgefühls

Elise Kedik und Franz Viohl • 16. June 2011

Die Besucher machen sich ein Bild von den Todesumständen der Opfer Foto: Franz Viohl
Die Besucher machen sich ein Bild von den Todesumständen der Opfer Foto: Franz Viohl

Yeliz Arslan war zehn Jahre alt als sie am 23. November 1992 an ihren Verbrennungen starb. Neonazis hatten das Haus türkischstämmiger Familien in Mölln gezielt ausgewählt und angezündet. Bei dem Brandanschlag kamen auch ihre Cousine und ihre Großmutter ums Leben.

Weit mehr Opfer als bekannt

Das ist eine von 156 schockierenden Geschichten, die den Besucher der Wanderausstellung "Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland" erwarten. Schockierend ist nicht nur die Tatsache von Yeliz' frühem Tod, sondern auch, dass viele der Fälle - anders als der Möllner Brandanschlag - nie an die Öffentlichkeit kamen und zum Großteil nicht einmal als rechte Gewalttaten eingestuft werden. Frank Jansen, Journalist beim Tagesspiegel, hat zusammen mit Kollegen anderer Zeitungen 137 Fälle mit Todesfolge seit 1990 aufgedeckt, denen ein rechtsextremes Motiv zugrunde lag. Das Innenministerium hingegen zählt nur 47 Opfer.

Unter ihnen sind nicht nur Zuwanderer oder Menschen mit anderer Weltanschauung, sondern auch Kinder, Obdachlose, Rentner, Prostituierte - und einfach Menschen, die sich Rechtsextremen in den Weg gestellt haben. Von ihrem Schicksal erfährt man durch die Ausstellung zum ersten Mal. Damit soll die Erinnerung wachgehalten und die Verdrängung rechter Gewalt in Deutschland nach der Wende verhindert werden.

Mangelndes Bewusstsein für rechte Gewalt

Denn Politiker, Richter und Beamte haben die tatsächliche Dimension rechter Gewalt oft nicht wahrgenommen. Zu den 137 Fällen, die Jansen in seiner Recherche als gesichert aufführt, kommen noch 14 Verdachtsfälle sowie einige aktuelle Taten hinzu. Zwar werde die Erfassung nahezu aller Vergehen mit rechtem Hintergrund durch das neue polizeiliche Definitionssystem der "politisch motivierten Kriminalität" ermöglicht, erklärt der Journalist, doch dies werde unzureichend genutzt: "Hier fehlen Akribie und Sensibilität."

So sieht es auch Dominique John von der "Opferperspektive Brandenburg", die die Ausstellung mitorganisiert hat. "Die rechtsextreme Ideologie ist die Negation des anderen als Mensch", bilanziert er. Die Gesellschaft dürfe Menschenverachtung nicht zulassen, doch eine Bedingung dafür sei das Bekanntwerden der Fälle. "Wie kann die Politik Zivilcourage gegen rechts fordern, wenn sie die Dimension rechter Gewalt nicht offen legt?", fragt Jansen.

Zivilcourage, so ließe sich auf Jansen antworten, entsteht nicht aus politischen Forderungen, sondern aus dem Gefühl, dass andere Unrecht erleiden. Gerade dieses Gefühl wecken die unfassbaren Geschichten der grundlos Ermordeten.

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