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Punk-Geschichte von der Basis

Nils Michaelis • 15. June 2011

"Noise and Resistance": Josefin von der schwedischen Punkband Sju Svåra år auf der Bühne. Foto: Neue Visionen Filmverleih
"Noise and Resistance": Josefin von der schwedischen Punkband Sju Svåra år auf der Bühne. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Punk ist für alle da. Was zählt, ist Selbstvertrauen und der Kampf gegen Repression jeder Art. Soviel zum Selbstverständnis jener Sparte der Popkultur, die trotz fortschreitender Kommerzialisierung den Nonkonformismus pflegt. "Punk rennt keine offenen Türen ein, er rennt gegen Wände", heißt es in der Anthologie "Punk Stories". Doch was steckt hinter der antiautoritären und konsumkritischen Do-it-yourself-Idee, die die Punk-Bewegung vor mehr als 30 Jahren aufgriff und die sie bis heute fortlebt?

Europas Subkulturen

Zu zeigen, wie unterschiedlich der Autonomie-Gedanke in Europas Subkulturen heutzutage ausgelebt wird und dass er sich in verschiedensten musikalischen Genres artikuliert, zählt zu den Stärken von "Noise and Resistance". Für die Regisseurinnen ist es ein vertrautes Terrain: Als Mitglied des Filmkollektivs AK KRAAK dreht Francesca Araiza Andrade seit Jahren kapitalismus- und gesellschaftskritische Filme. Julia Ostertag widmet sich vorrangig Underground-Produktionen über alternative Lebensweisen und sexuelle Identität.

Ein besonders drastisches Beispiel liefert der Blick nach Russland. Wenn die korrupte Polizei sich weigert, Neonazis zu schnappen, die einen jungen Mann erstochen haben, dann sorgt man eben selbst dafür, dass sie in den Knast kommen. Davon erzählt Wolodja von der Moskauer Antifa-Hardcore-Band "What We Feel". Die Musiker engagierten einen Anwalt. Der brachte den Mord an einem Freund der Musiker vor Gericht und die Messerstecher damit hinter Schloss und Riegel. So steht Punk für die Selbstbehauptung in einem System, in dem "die Menschen verrotten" (Wolodja) und antirassistisches Engagement tödlich enden kann.

Alternativen haben Zukunft

Während für die russischen Nonkonformisten der Kampf gegen Polizeiwillkür und politische Unterdrückung im Vordergrund steht, haben es Hausbesetzer in Barcelona oder Bewohner einer selbst gebauten Öko-Siedlung am Rande von Oslo vergleichsweise komfortabel. Ihnen geht es vor allem darum, Freiräume für unangepasste Sounds und Lebensstile zu erobern und Gleichgesinnte zusammenzubringen. Das würden wohl auch die Bewohner der Berliner Wagenburg "Schwarzer Kanal" unterschreiben. "Es reicht nicht, gegen die Gesellschaft zu sein, man muss Alternativen aufbauen", sagt Rosie vom schwul-lesbischen Projekt-Kollektiv. Mit dem oft belächelten "No Future" hat das nichts zu tun.

Holzhütten im Grünen, Kellerclubs in Plattenbaugebieten oder die sanften Hügel von Essex: Auch anhand seiner Schauplätze macht "Noise and Resistance" anschaulich, wie unterschiedlich Protest- und Alternativkulturen in Europa gelebt werden. Anhand der Vielzahl der Gesprächspartner ist es entschuldbar, dass der Erkenntniswert ihrer Statements mal mehr, mal weniger hoch ausfällt, einige Aussagen wie zur Notwendigkeit antikapitalistischer Kunst schablonenartig sind. Interviewhäppchen in dieser Menge gegeneinander zu schneiden, sorgt allerdings eher für Wiederholungen als für Kontraste.

Rhetorische Fassaden

Der Umstand, dass die Regisseurinnen Teil der Szene(n) sind, erweist sich als Gratwanderung: Einerseits dürften die entsprechenden Kontakte einige Wagenburgtore geöffnet haben, andererseits sind kritische oder erhellende Nachfragen offenbar ausgeblieben. Dadurch bleibt vieles im Dunkeln. Nicht nur Hintergrundinformationen zu den auftretenden Künstlern, auch anschauliche ästhetische Selbstauskünfte sind selten zu verzeichnen. So kratzt dieser Film, der sich in die tiefsten Keller kreativer Wut begibt, häufig nur an der Oberfläche. Ein distanzierter Blick auf das Thema hätte einige rhetorische Fassaden eingerissen. Sozialforscher und Kulturwissenschaftler heranzuziehen, hätte wohl kaum dem Selbstverständnis der Autorinnen entsprochen.

Somit ist "Noise and Resistance" weniger ein Dokumentarfilm als ein Dokument. Ein wirklicher Erkenntnisgewinn würde sich dadurch ergeben, einige Aussagen und Aspekte zur Diskussion zu stellen. Der Film suggeriert, dass sich die Motive für Protest und die Suche nach alternativen Lebensentwürfen während der letzten drei Jahrzehnte vielerorts kaum verändert haben - was man angesichts gravierender gesellschaftspolitischer Verschiebungen - nicht nur, aber auch in der Bundesrepublik - kaum glauben mag.

Es sei denn, man lebt den Gedanken der konstruktiven Verweigerung auf so zeitlose und universale Weise aus, wie es dieMalerin Gee Vaucher tut. Früher tingelte die 66-Jährige mit den britischen Anarcho-Punk-Avantgardisten "Crass" durch entlegenste Käffer. "Die Vorfälle ändern sich, aber die Unterdrückung bleibt derselbe Scheiß", sagt sie heute.

Noise and Resistance Deutschland 2011, Regie und Drebuch: Julia Ostertag, Francesca Araiza Andrade, 94 Minuten Kinostart: 16. Juni www.noise-resistance.de

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