Castel, einer der bekanntesten Soziologen Frankreichs, beleuchtet die sich verschärfende Arbeitnehmersituation vor dem Hintergrund globaler Gewinnorientierung. Dabei spannt er einen Bogen von
den Anfängen der Lohnarbeit bis in die Gegenwart.
Entkollektivierung und Individualisierung
Einen Schwerpunkt des Buches, für das Texte der Zeit von 1995 bis 2008 überarbeitet wurden, bildet die Entwicklung seit 1945. In diese Zeit fällt der Wandel des Industriekapitalismus zu
einem "neuen Regime", das es laut Castel "weniger zu benennen als zu begreifen gilt". Damit einher gehe ein Abbau des sozialen Kompromisses, der im Lauf seiner Geschichte einen weit gehenden
Ausgleich von Ungerechtigkeiten erreicht habe.
Der einsetzende Prozess dessen, was Castel "Entkollektivierung"" nennt, führt zu einer Schutzlosigkeit der Einzelnen. Deren Sicherheit und Rechte als Arbeitnehmer würden entweder zunehmend
infrage gestellt - oder der (Wieder-)Zugang zur Arbeitswelt gelinge ihnen gar nicht erst.
Durch diese Unterschiede in den Biografien, so Castel, wird der Zerfall der Solidarität weiter geschürt. In der Folge kommt es zu gesellschaftlichen Problemen wie Entkoppelung,
Marginalisierung und Exklusion, mit deren Entstehung, begrifflicher Klärung und möglichen Lösungen sich der Autor ausführlich auseinandersetzt.
Geschützter Status
Um trotz degradierter oder fehlender Arbeit die Solidargemeinschaft aufrechtzuerhalten, bedürfe es einer Übertragung garantierter Rechte auf Einzelpersonen, die auch bei Arbeitsplatzverlust
oder -wechsel fortbestehen. Dadurch werde auch dem mobilen Arbeitnehmer ein geschützter Erwerbstätigenstatus gewährleistet. Das Ziel ist also, was Castel einen "personenbezogenen beruflichen
Status" nennt, eine "soziale Sicherung der Berufswege". Nur damit lasse sich auf Dauer der Prekarität begegnen, der wachsenden Lebensunsicherheit, von der immer weitere Bevölkerungsschichten
betroffen sind.
Blick über den Zaun
Mit der Forderung nach "mehr Recht" steht Castel nicht allein. Es ist aber der besondere Vorzug seines Denkgebäudes, dass sich durch die begriffliche Disziplin eine Schlüssigkeit ergibt,
der man sich kaum entziehen kann. Stets sachlich und ohne zu polemisieren bricht er eine Lanze für Solidarität auch unter divergierenden Rahmenbedingungen. Thomas Laugstien ist zu verdanken, dass
diese sprachliche Klarheit bei der Übertragung aus dem Französischen nicht verloren gegangen ist.
Dem Leser öffnet sich ein interessanter Blick ins Nachbarland, und bei allen Unterschieden (Zentralstaat, Bürger aus den Gebieten der ehemaligen Kolonien) lassen sich doch Nationen
übergreifende Gemeinsamkeiten erkennen, sodass Castels Lösungsansätze auch außerhalb Frankreichs Gehör finden sollten. Dies umso mehr, als er die Forderung nach einem sozialen Europa vertritt.
Denn für die Einzelstaaten wird es zunehmend schwieriger, globalen Wirtschaftsinteressen wirksame Schutzbestimmungen entgegenzusetzen.
Schon als Gegengewicht zu allzu liberalistisch-populistischen Anschauungen ist dieses Buch ausgesprochen wichtig. Wie Castel richtig feststellt, gehören Sozialstaat und Demokratie zusammen.
Das eine lässt sich nicht angreifen, ohne zugleich das andere infrage zu stellen.
Als Zusatzlektüre sei Alain Supiots
"Der Geist von Philadelphia" empfohlen, ebenfalls Hamburger Edition, das sich mit dem Thema der sozialen Gerechtigkeit aus
rechtswissenschaftlicher Sicht beschäftigt.
Robert Castel: "Die Krise der Arbeit. Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums", Hamburger Edition, Hamburg 2011, übersetzt von Thomas Laugstien, 383 Seiten, 32,00 Euro, ISBN
978-3-86854-228-8
Französisches Original: "La montée des incertitudes. Travail, protections, statut de l'individu", Éditions du Seuil, 2009







