"Dass der Fortschritt allein wirtschaftlich und technisch sein soll, ist eine Pervertierung des Begriffs", sagt Susan Neiman, Professorin für Philosophie, nicht wenig entrüstet. Seit Marx müssten wir wissen, dass jeglicher Fortschritt nur dann ein Fortschritt ist, wenn er "die menschliche Freiheit erweitert". Noch vor ein paar Jahren dürfte Neimans Kritik kaum über politisch-philosophische Diskurse hinaus Gehör gefunden haben. Nach der Finanzkrise hat die Erinnerung an Marx eine neue Bedeutung - und damit die Frage, wie der Fortschritt heute aussehen soll.
"Trägt der Fortschrittsbegriff noch einmal einen Anlauf in der Politik?", fragt Thomas Meyer, Chefredakteur der "Frankfurter Hefte", die Teilnehmer der Podiumsdiskussion mit dem Titel "Neuer Fortschritt" in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. Anders als angekündigt waren Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin allerdings nicht gekommen, da sie zu dieser Stunde an Fraktionssondersitzungen zur Atomfrage teilnahmen. Den Besuchern war die Enttäuschung anzumerken. Stattdessen kam der Politologe und SPD-Vordenker Johano Strasser, der mit seinen Positionen sozialdemokratische und grüne Programmatik zu vereinen sucht.
Wachstum ist nicht gleich Fortschritt
Der alte Fortschrittstyp habe ausgedient, so Strasser in seinem Eingangsstatement, da er sich gegen die Natur richte und auch für die aufstrebenden Schwellenländer keine vernünftige Perspektive sein könne. "Unser Lebensstil ist in die Krise geraten." Doch ein "Rückzug zur Natur" sei keine Alternative, sondern nur eine neue Organisation der Wirtschaft im Dienst von Mensch und Natur. Die Menschen müssten sich generell von der Hoffnung trennen, Wachstum bewirke direkt Fortschritt. In manchen "historischen Situationen", so der Politologe, sei man gezwungen, Selbstverständliches zu wiederholen - nämlich, dass "Liebe und Freundschaft glückbringender sind als Warenkonsum."
Besteht der neue Fortschritt also im privaten Glück? Die Diskussionsteilnehmer bemühten sich, keine solche verkürzte Lesart gelten zu lassen. Das war umso erfreulicher, als es sich seit der Aufklärung immer auch um eine politische Größe handelt. Dabei betrifft die dem Fortschritt verschriebene Politik natürlich stets die konkreten Lebenslagen der Menschen, also auch ihr persönliches Wohlbefinden. Es sei allerdings kein Wunder, wenn "Begriffe wie Selbstbestimmung und Chancengleichheit keinen mehr anfeuern", so Susan Neiman - Begriffe, die früher "Freiheit" und "Gerechtigkeit" hießen. "Die Sprache, unsere beste Waffe, haben wir Technokraten überlassen", so die Philosophin.
Das Ziel von Freiheit und Gleichheit
Deshalb findet Tissy Bruns, Journalistin beim Tagesspiegel, dass der Fortschrittsbegriff auch ein konservatives Element haben sollte. Die SPD müsse die Grundbegriffe von Freiheit und Gleichheit neu reflektieren, denn damit habe sie die Menschen früher angesprochen. Die Sozialdemokratie habe etwas zu verteidigen, ergänzt Moderator Meyer. Bruns: "Wie viele Sozialdemokraten gibt es denn noch, deren Herz dafür glüht, dass jedes Kind einen Schulabschluss bekommt?" Sie beobachte eine "Trägheit der Herzen", mit der sich keine Politik machen ließe.
Strasser erinnert hier an Stéphane Hessels Plädoyer für die Empörung der Bürger, ohne die Politik nicht funktionieren könne. Damit erntet er großen Beifall. Die Frage nach dem Fortschritt scheint während der Veranstaltung zu einer Frage nach dem politischen Pathos zu werden. Dass beide aber eng verbunden sind, zeigen die politischen Bewegungen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert auch an der Debatte um einen erstrebenswerten Fortschritt entzündeten.
Saubere Umwelt als Gerechtigkeitsfrage
Welches Resümee lässt sich nun aber ziehen? "Wir können ebenso wenig zurück in das Zeitalter der Nationalstaaten wie zurück zur Natur", betont Bruns. Im 21. Jahrhundert müssten neue Wege gefunden werden. Für Strasser beinhaltet der neue Fortschritt eine höhere Energieeffizienz, die Umdeutung von Zeit zu Wohlstand und eine gerechte Verteilung der Güter. Jeder habe etwa das Recht auf eine saubere Umwelt vor Ort und könne nicht, wie einige Reiche in noch unversehrte Oasen der Natur flüchten. Hier stelle sich die Frage nach Gerechtigkeit. Für die SPD, die eine Diskussion umden Fortschritt seit ihrem Hamburger Programm führt, müsse dies ein Kernanliegen sein.
"Die Menschen sind nicht nur vom Bauch bestimmt", erklärt Neiman mit Blick auf die Revolutionen in der arabischen Welt. Natürlich kämpften sie gegen den Hunger, aber eben auch gegen Willkür und für Freiheit. In diesem Geist sieht sie das Potenzial eines neuen Aufbruchs: Nicht das Bedürfnis nach Sicherung des Bestehenden könne den Fortschritt heute tragen, sondern die Bereitschaft zu Neuem. Marx scheint mit dem Auge zu zwinkern.
Die Debatte um den neuen Fortschritt wird von der Zeitschrift "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte" seit Februar diesen Jahres geführt. Weitere Informationen sind hier abrufbar. Eine Besprechung von Stéphane Hessels Buch "Empört euch!" finden Sie auf dieser Seite.







