Die Grünen mögen Kinder der Anti-Atom-Bewegung sein. Aber die Väter der Bewegung sind Sozialdemokraten: Karl Bechert, Erhard Eppler, Klaus Traube - um nur einige zu nennen. Wir stellen sie auf den nächsten Seiten vor. Lange bevor es die grüne Partei überhaupt gibt, engagieren sie sich in der SPD gegen die Nutzung von Atomkraft. Mit von Jahr zu Jahr wachsendem Erfolg.
1975 spricht der Mannheimer Parteitag vom "verständlichen Widerstand gegen Kernkraftwerke" und fordert, dass "der Schutz der Bevölkerung vor möglichen Schädigungen absolute Priorität" haben muss.
1977 beschließt die SPD auf ihrem Hamburger Parteitag erstmals "die Option, künftig auf Kernenergie verzichten zu können".
1979 stellt der Berliner Parteitag fest: "Die Nutzung der Kernenergie hat sich als problematischer erwiesen, als wir selbst vor zwei Jahren angenommen haben. Die Frage der Entsorgung der radioaktiven Abfälle ... ist auf erhebliche, noch nicht ausgeräumte Sicherheitsbedenken gestoßen." Das Atomrecht binde jedoch die Atomkraft "an die Lösung der nuklearen Entsorgung". Der Parteitag beschließt darüber hinaus: "Die Sicherheit und der Schutz der Bevölkerung ... haben Vorrang vor wirtschaftlichen Überlegungen."
1982 kritisiert der Münchner Parteitag erneut die "ungelöste Entsorgungsfrage". Er moniert: "Die tatsächlichen Erfolge in der Lösung der Entsorgungsfragen sind geringer, als wir es erwartet und für erforderlich gehalten haben."
1983 beschließt der Dortmunder Parteitag den "Vorrang der heimischen Kohle vor der Kernenergie" und die nur noch "begrenzte Nutzung der Kernenergie"
1984 - von vielen vergessen: zwei Jahre vor der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl - setzt sich die Position
der Atomkritiker in der SPD endgültig durch. Der Bundesparteitag in Essen beschließt die "Nutzung der Kernenergie (sei) nur für eine Übergangszeit zu verantworten". Er fordert eine
"Energieversorgung ohne Kernenergie zu gewährleisten".
1986 präzisiert der Parteitag von Nürnberg diesen Beschluss durch seine Forderung nach einer "Änderung des Atomgesetzes mit dem Ziel der Stilllegung aller Atomkraftwerke".
1998 schließlich kann die SPD ihre Pläne verwirklichen. Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder setzt den so genannten "Atomkonsens" durch. Am 14. Juni 2000 wird die "Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen" zum geordneten Ausstieg aus der Atomenergie unterzeichnet. Sie bedeutet die schrittweise Stilllegung aller Atomkraftwerke in Deutschland. Die entsprechende Änderung des Atomgesetzes tritt 2002 in Kraft.
2010 beschließt die schwarz-gelbe Bundesregierung die Verlängerung der AKW-Laufzeiten und damit den Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg. Im März 2011 beschließt die Regierung ein 3-monatiges Moratorium der Laufzeitverlängerung. Erst danach will sie entscheiden, wie es mit der Nutzung der Kernenergie in Deutschland weitergeht.
Atomgegner in der SPD
Karl Bechert (1901-1981) gilt als Vater der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland. Er warnte bereits in den 50er und 60er Jahren vor den gefährlichen Folgen radioaktiver Strahlung. Von
1957 bis 1972 war er SPD-Bundestagsabgeordneter, von 1961 bis 1965 Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Atomenergie und Wasserwirtschaft. Sein wegweisendes Wirken würdigt die nord-hessische
SPD seit 2007 mit
der jährlichen Verleihung des Professor-Karl-Bechert-Preises für dezentrale Erneuerbare Energien.
Erhard Eppler (* 1926) war in den 70er Jahren der prominenteste AKW-Gegner in der SPD. Von 1968 bis 1974 zunächst Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, machte er sich insbesondere in seiner Zeit als Landes-vorsitzender der baden-württembergischen SPD von 1973 bis 1981 als Gegner der Atomkraft einen Namen. Sein Landesverband fasste bereits Ende der 70er Jahre einen Atom-Ausstiegsbeschluss.
Klaus Traube (*1928) wandelte sich als AEG-Direktor für Kernreak-toren zum Gegner der Kernkraft. 1972 trat er in die SPD ein. Er wurde vom Verfassungsschutz widerrechtlich abgehört, Bundesinnen-minister Maihofer (FDP) trat zurück. In den 70er Jahren die wissenschaftliche Autorität und Symbolfigur im Kampf gegen die Atomkraft.
Johannes Rau (1931-2006) verhinderte als NRW-Ministerpräsident (1978-1998) die Inbetriebnahme des Schnellen Brüters in Kalkar. Gegen den Widerstand der Bundesregierung sorgte Rau damit dafür, dass der Weg in die Plutoniumwirtschaft in Deutschland nicht gegangen werden konnte. In den 80er Jahren entschied er auch die Stilllegung des Hoch-Temperatur-Reaktors Hamm-Uentrop.
Ernst Ulrich von Weizsäcker (*1939) gilt als international geachteter Mahner für Erneuerbare Energien und gegen Atomkraft. Er war Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima,
Umwelt und Energie. Seit 1966 Mitglied der SPD war er von 1998 bis 2005 Bundestagsabgeordneter, seit 2002 ist er Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.







