"Sie wollen sicher zu Gaby! 5. Stock hinten rechts", erklärt der Pförtner des Apartmenthauses auf New Yorks Upper East Side. Es ist Mittwochabend. Wie jede Woche öffnet Gaby Glückselig auch heute wieder ihre Wohnung für den Stammtisch. An dem großen runden Tisch in der Mitte des kleinen Wohnzimmers sitzt die Gastgeberin zusammengesunken in einem Korbsessel; Alter und Krankheit haben körperliche Spuren hinterlassen. Doch geistig ist die beinah 97jährige ehemalige Wiesbadener Jüdin noch ganz fit.
Flucht aus Nazi-Deutschland
1938 konnte sie nach Amerika auswandern. Ihren Eltern gelang zwei Jahre später die Flucht aus Nazi-Deutschland. Sofort findet Gaby Glückselig in der Neuen Welt Arbeit, zunächst bei einer aus Wien emigrierten Email-Malerin, später bei einer Schmuck-Zeitschrift, und schließlich in einer Firma für kunsthandwerkliches Gewerbe, in der sie mehr als fünfzig Jahre lang tätig war.
Seit ihrer Pensionierung half sie ehrenamtlich mehrmals wöchentlich im Leo Baeck Institut - einem Dokumentationszentrum zur Erforschung der Geschichte des deutschen Judentums - sortierte Fotos und sichtete neu erworbenes Archivmaterial. "Jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos", beschreibt Gaby Glückselig spitzbübisch ihre gegenwärtige Situation. "Das ist aber auch langsam Zeit", erwidert unter großem Gelächter ihre Cousine Miriam Merzbacher; sie wanderte 1947 nach Amerika aus, nachdem sie Westerborg und Theresienstadt überlebt hatte.
Mittwoch Abend ist Stammtisch - seit 1943
Unter großem "Hallo" gesellen sich andere Emigranten dazu: Lily Hull, Trudy Jeremias und Kurt Sonnenfeld aus Wien, Marion House aus Berlin. Jeder bringt etwas zu Trinken und zu Essen mit. An manchen Mittwochabenden drängen sich über zwanzig Personen in der mit alten Biedermeiermöbeln, Büchern und Erinnerungsstücken vollgestopften Wohnung.
Gegründet wurde der Stammtisch 1943 von Oskar Maria Graf. Als bei der Bücherverbrennung im Mai 1933 die Werke des bayerischen Schriftstellers verschont wurden, protestierte der sozialistische Autor mit dem internationalen Appell "Verbrennt mich!" gegen die Machenschaften der Nazis. Im New Yorker Exil blieb Graf seiner Heimat treu, trug Lederhose und weigerte sich lange, Englisch zu lernen. Bis heute wird beim Stammtisch ausschließlich Deutsch gesprochen. Eine zweite Besonderheit hat sich ebenfalls erhalten: Jeder duzt jeden - ein unmissverständlicher Hinweis auf die sozialdemokratische Gesinnung der Stammtischler.
Politischer und küstlerischer Gedankenaustausch
Anfangs trafen sich Graf und seine Frau mit anderen Emigranten in der "Kleinen Konditorei", einer Gaststätte in New Yorks ehemals deutschem Viertel Yorkville, um über Politik und Kunst zu diskutieren. Bertolt Brecht kam öfters dazu, und auch der Publizist Wieland Herzfelde. Jetzt kommen jede Woche neue Gäste - oft sind es junge Österreicher und Deutsche, Künstler, Dokumentarfilmer und Historiker -, um den Oskar Maria Graf Stammtisch zu erleben, eines der letzten Überbleibsel des deutschsprachigen Exils in New York.
Die "Kleine Konditorei" gibt es schon lange nicht mehr. Seit wann sich der Stammtisch in Gaby Glückseligs Wohnung versammelt, weiß keiner so recht zu sagen. Doch solange sie kann, wird sie die beinah 70-jährige Tradition des Stammtischs hochhalten und getreu dem Motto "Wir sind für alle und alles" jeden Mittwoch zum politischen und künstlerischen Gedankenaustausch einladen. Heute wird heftig über die Ereignisse in Libyen diskutiert. Als einige in der Runde vom Thema abweichen, läutet Gaby Glückselig kraftvoll die kleine Glocke, die vor ihr auf dem Tisch steht: "Zurück zum Thema, und redet nicht alle durcheinander."







