Der Anteil von Frauen und jungen Mädchen in der braunen Szene ist in den letzten Jahren angestiegen, mit rund einem Fünftel stellen sie die "zweite Front" innerhalb dieses männerdominierten Milieus. Frauen wirken zwar im Hintergrund, ziehen aber immer häufiger auch politisch an den Fäden. Sie sind bei Aufmärschen dabei, stehen an den Info-Tischen, leisten Wahlkampfunterstützung, lassen sich selbst als Kandidatinnen aufstellen, übernehmen Führungsämter.
Anzutreffen sind sie in sämtlichen Facetten des rechtsextremen Spektrums, in der völkischen, der parteipolitisch orientierten, der aktivistischen, auch in der gewaltbereiten Szene. Über die durchaus unterschiedlichen Lebenswelten der braunen Frauen haben die Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit, beides profunde Kenner der Szene, ein sachkundiges Buch mit dem Titel "Mädelsache! - Frauen in der Neonazi-Szene" verfasst.
"Nationale Graswurzelarbeit"
Nach wie vor spielen Frauen im braunen Spektrum die zweite Geige, halten sich eher im Hintergrund. Die großen Worte und Auftritte bei Veranstaltungen sind den Männern vorbehalten. Das biologistische Weltbild der Rechtsextremisten fokussiert auf einem traditionsbewussten Rollen- und Geschlechterverständnis. Das wird von den Frauen selbst gepflegt und im Großen und Ganzen nicht in Frage gestellt. Klassisch obliegt ihnen die national gesinnte Erziehung des Nachwuchses. Allerdings hat die emanzipatorische Frauenbewegung auch hier ihre Spuren hinterlassen, wird in dem Buch festgehalten. Weibliche Neonazis treten zunehmend selbstbewusster auf - und machen ihre Ansprüche geltend.
Für die rechtsextreme "Bewegung" wirkt sich das zunehmende Engagement der "Kameradinnen" positiv aus - Frauen eignen sich besser für die sanfte Infiltration der Gesellschaft. Sie gerieren sich als bürgernah, engagieren sich lokal im vorpolitischen Raum, sind aktiv im schulischen Umfeld, leisten Sozialarbeit etc. Mit ihrer "nationalen Graswurzelarbeit" treiben die Frauen so die gewünschte kommunalpolitische Verankerung der NPD voran.
Die radikale Front der Frauen im Hintergrund
Das Buch "Mädelsache! - Frauen in der Neonazi-Szene" blickt hintergründig, fakten- und detailreich hinter die Kulissen einer hermetisch abgeriegelten braunen Parallelwelt. Gegliedert ist es in sechs Kapitel. In den ersten drei Abschnitten werden die Organisationsstrukturen der Frauen im rechten Spektrum dargestellt.
Die 2006 gegründete NPD-Frauenorganisation Ring Nationaler Frauen (RNF) steht fest unter der Kandare der Parteispitze. Etwaige abweichende Tendenzen werden auch aus den eigenen Reihen schnell erstickt, so musste die frühere RNF-Vorsitzende, die unter anderem die "Männersekte" NPD kritisiert hatte, ihren Posten räumen. An der Spitze der RNF steht jetzt die Hardlinerin Edda Schmidt, ein Urgestein der Partei aus Baden-Württemberg.
Als die radikale Front der Frauen im Hintergrund gilt Die Gemeinschaft deutscher Frauen (GDF). Die völkische Organisation will die Frauengemeinschaft nach innen stärken, kein Sprachrohr nach außen sein. Szeneintern gilt sie als Zusammenschluss, der dem Dritten Reich nachtrauert, so Röpke/Speit.
Gewalt als legitimes Mittel
Aktivistisch und zum Teil martialisch treten Frauen in der freien Kameradschaftsszene und bei den Autonomen Nationalisten auf, dort beträgt der Frauenanteil in manchen Regionen bis zu 20 Prozent. Gewalt wird von ihnen auch als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele angesehen. So sind Frauen an den rechtsextremen Gewalttätigkeiten mittlerweile bis zu zehn Prozent beteiligt.
In einem weiteren Artikel wird auf die Bedeutung von Frauen in braunen Netzwerken verwiesen. So wurde beispielsweise Ursula Müller, die langjährige Vorsitzende der neonazistischen "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" im Jahr 2010 von der NPD-Frauenorganisation RNF als "Frau des Jahres" ausgezeichnet. Als "Star" der Szene wird auch die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck verehrt, die seit Jahrzehnten in Sachen Geschichtsklitterung aktiv ist.
"Braunes Wendland" in Mecklenburg-Vorpommern
Ein besonderes Augenmerk richten die Autoren Andrea Röpke und Andreas Speit auf die heidnisch-völkischen Siedlungsprojekte der Neonazi-Szene. In zahlreichen Fällen haben sie sich in Mecklenburg-Vorpommern niedergelassen, eine Art "braunes Wendland" sollen die Ansiedlungen werden, geprägt von ökologischen Nationalisten, die ihren Traum von der eigenen deutschen "Scholle" alternativ leben wollen. Angesiedelt haben sich einige "Kolonien" oder einzelne entlegene Anwesen unter anderem in den Landkreisen Ludwigslust Nordwestmecklenburg, Bad Doberan und Güstrow.
So genannte nationale Wohnprojekte finden sich aber auch in anderen Bundesländern, so in Dörfern in Franken, Hessen, um Chemnitz und in Brandenburg. Vorangetrieben wird dabei in der Szene auch der Aufbau von nationalen Wirtschaftsstrukturen. Um die autarke Selbstversorgung kümmern sich meist die Frauen, und sie sind vor allem zuständig für die Betreuung und völkische Erziehung der zahlreichen Kinder.
Die akribisch recherchieren Reportagen von Röpke/Speit bieten einen tiefen Einblick in eine meist wenig beachtete Wirklichkeit. Gestützt auf Insiderinformationen, angereichert mit profundem Hintergrundwissen, haben die Autoren in mühevoller Puzzlearbeit eine zum Teil hermetisch verschlossene braune Parallelwelt aufgedeckt. Das flüssig und spannend geschriebene Buch erscheint in Kürze bereits in zweiter Auflage.
Andrea Röpke/Andreas Speit, "Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene", Christoph
Links Verlag,
Berlin 2011, 240 Seiten, 16,90 Euro
, ISBN 978-3-86153-615-4
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