"Wenn hier noch ein Arzt wegfällt, sind wir unterversorgt", sagt Anika Petrausch. Die 36-Jährige sitzt in ihrer ersten eigenen Praxis: Frisch gestrichene Wände, vor dem Fenster, im großen Garten, blüht der Flieder. Das brandenburgische Michendorf liegt eine knappe Stunde von Berlin entfernt, mitten im Speckgürtel rund um die Hauptstadt. Doch die fetten Jahre sind selbst hier vorbei.
Die geringste Ärztedichte Deutschlands
Neben Petrausch gibt es zwei weitere Hausärzte. Das ist zwar beachtlich für Brandenburg, das Bundesland mit der geringsten Ärztedichte Deutschlands. Für einen Speckgürtel ist es allerdings reichlich mager. Noch dünner gesät sind die Fachärzte. "Wenn es hier einen Kardiologen gebe, das wäre der Knaller", sagt Petrausch. Denn ihre gut tausend Patienten müssen sich auf den Weg nach Potsdam machen wenn eine Spezialuntersuchung nötig ist. Und trotzdem haben die Petrausch-Patienten es gut.
"Wenn Sie kommen, ist immer Mittwoch", sagt der 91-Jährige, zu dem die Hausärztin gemeinsam mit ihrer Arzthelferin Henriette Wolf an diesem sommerlichen Morgen kommt. Heute steht neben einer Blutabnahme ein Test an, mit dem die Ärztin erste Anzeichen von Demenz erkennen kann. Je früher so etwas bemerkt werde, desto eher könne man gegengesteuern.
"Einmal im Jahr sollte man das machen", erklärt Petrausch auch in dem Seniorenheim, in dem sie den zweiten Teil ihrer Hausbesuchstour absolviert. Die Zeit drängt, die Tests verzögern alles, um 12 Uhr beginnt die Sprechstunde in der Praxis. Doch die Ärztin lässt sich nichts anmerken. "Haben Sie noch Fragen?", sagt sie am Ende jedes Patientenbesuchs. Dann hört sie zu, notiert direkt in ihren Computer, checkt die Dosierung von Medikamenten und fragt ob diese eingehalten wird.
Verweiste Praxen, keine Nachfolger in Sicht
Soviel Zeit wie Anika Petrausch, im Landkreis Potsdam-Mittelmark können sich Hausärzte nicht überall nehmen. Im Spree-Neiße-Kreis etwa liegt der ärztliche Versorgungsgrad gerade mal bei 77 Prozent, wie bei der Bedarfsplanung ermittelt wurde. Die Fläche ist relativ groß, die Arztdichte gering. Und in den kommenden Jahren wollen einige Mediziner in Rente gehen. Manche Praxen sind bereits verwaist, weil sich kein Nachfolger findet. Petrausch hat ihre Praxis übernommen als ihre Vorgängerin in Rente ging - später als diese eigentlich wollte, doch die Nachfolger standen nicht gerade Schlange.
Und dann kam Anika Petrausch. Die Berlinerin hatte ihren Facharzt gemacht und wollte mit ihrem Mann und den beiden Töchtern aufs Land ziehen. Diesen Schritt will das rot-rote Brandenburg auch anderen Medizinern schmackhaft machen. Brandenburg kooperiere mit Berlin, genauer gesagt mit der Charité, erklärt Sylvia Lehmann, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD Landtagsfraktion: Elf akademische Lehrkrankenhäuser der Charité Berlin liegen in Brandenburg.
Und wer sich entscheidet, in eines der unterversorgten Gebiete zu gehen, wird vom Land finanziell gefördert. Bereits seit gut fünf Jahren gibt es finanzielle Starthilfen für Mediziner, die eine Praxis übernehmen, gründen oder als Zweigstelle weiterführen. Natürlich erleichtere das die Entscheidung, schließlich verringere sich das Risiko, sagt Petrausch. Doch die finanziellen Anreize alleine reichen längst nicht aus. Lehmann, weiß, dass auch die Infrastruktur ausgebaut werden muss. Wo etwa Kitas und Schulen fehlen, siedeln sich kaum junge Arztfamilien an. Hier seien die Kommunen, Landkreise und das Land mit in der Verantwortung.
Neue Bedarfsplanung
In Michendorf ist die Infrastruktur gut und Petrausch mag das Landleben. Weil sie nicht die einzige Ärztin weit und breit ist, kann sie es auch genießen. Neben guter Organisation glaubt die Neu-Brandenburgerin an Netzwerke. In Berlin habe sie erlebt, wie Hausärzte und Fachärzte sich in den wohlhabenden Gegenden drängeln und um die betuchte Klientel buhlen. Zusammenarbeit ausgeschlossen. Petrausch dagegen setzt auf gute Kontakte zu den Kollegen. So könne man sich bei kniffligen Fällen beraten und gegenseitig entlasten.
Wo es wenige Ärzte gibt, sorgt AGnES (Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte Systemintervention) seit einigen Jahren für Entlastung: Medizinisch geschultes Personal nimmt den Ärzten Arbeit ab. Inzwischen gibt es - noch in der Modellphase - "AGnES 2": Kräfte, die Patienten beim Ausfüllen von Formularen und beim Koordinieren von Terminen helfen, und so die Mediziner unterstützen, erläutert Lehmann. Außerdem solle ambulante und stationäre Versorgung besser ineinander greifen.
2012/13 soll die Bedarfsplanung anders berechnet werden. Altersdurchschnitt und Krankheitshäufigkeit der Bevölkerung fallen stärker ins Gewicht. So könnte mehr Geld in den ländlichen Raum und in den Osten Deutschlands fließen. Nur eines darf nicht vergessen werden: "Vorgaben und Rahmenbedingungen in der Gesundheitsversorgung werden weitestgehend von der Bundespolitik gesetzt", sagt Lehmann. Und die ist im Moment schwarz-gelb.
Anika Petrausch, seit 2010 arbeitet die Medizinerin in Brandenburg







