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„Zuerst der Mensch, dann die Grenzen“

Franz Viohl • 02. June 2011

"Chuck Norris" unterstützt Migranten aus Zentralamerika auf ihrem Weg in die USA Foto: Franz Viohl
"Chuck Norris" unterstützt Migranten aus Zentralamerika auf ihrem Weg in die USA Foto: Franz Viohl

Welche Menschenrechtsverletzungen erleiden die Migranten auf ihrem Weg?

Als "Indocumentados" ["Undokumentierte" Anm. d. Red.] halten sie sich schon in Mexiko illegal auf, und ihre Verletzlichkeit wird von Banden, Drogenkartellen und sogar von offiziellen Stellen missbraucht. Besonders schlimm ist die Situation für Frauen, die fast alle Opfer von Vergewaltigungen werden. Mit dem Drogenkrieg haben die Entführungen extrem zugenommen. Aber schon die Reise auf dem Güterzug ist sehr gefährlich, den die Migranten deshalb "la bestia" nennen.

Wie hängen der gegenwärtige Drogenkrieg und die Entführungen zusammen?

Die Drogenkartelle finanzieren sich neben ihrem Kerngeschäft auch durch Prostitution, Organhandel und Entführungen. In den letzten Jahren ist die mexikanisch-amerikanische Grenze nahezu in ihrer Hand. Sie lassen dort Migranten verschwinden und erpressen deren Angehörige in den USA.

Sie unterstützen Migranten in einer Unterkunft im nordmexikanischen Saltillo. Worin besteht Ihre Arbeit?

Ich erkläre den Migranten, wie sie den Grenzfluss Río Grande überqueren können und was sie auf ihrer Wanderung durch die texanische Wüste beachten müssen. Während früher die Grenze das größte Hindernis war, kommen die Migranten heute kaum noch an sie heran. Das gesamte Gebiet ist unter Kontrolle der Drogenbanden. Viele fragen mich auch, wie sie in den USA Arbeit suchen können. Allerdings reisen immer mehr mit einem Coyoten.

Was ist ein Coyote?

Ein Coyote ist ein Grenzschieber oder allgemein ein Wegführer, der den Migranten verspricht, sie etwa von Guatemala bis in die USA zu bringen. Das kostet dann 2500 bis 3000 Euro. Vorher hatten vielleicht 15 von 100 Migranten einen Coyoten, heute sind es im Grunde 100. Die Coyoten müssen das organisierte Verbrechen bezahlen, das die Grenze kontrolliert. Noch kaum ein Migrant macht sich die Hoffnung, es alleine zu schaffen.

Präsident Calderón ist es nicht gelungen, die Drogenkartelle zu besiegen. Könnte ein Eingreifen der USA die Situation wenden?

Da mache ich mir keine Hoffnungen. Die USA sind Hauptkonsument der Drogen. Ich glaube nicht, dass sie ein Interesse am Schutz der Menschenrechte in Mexiko haben. Wir sind zwar Wirtschaftspartner, Verträge wie das Freihandelsabkommen NAFTA basieren aber auf der Ungleichheit der Länder. Es gibt kaum Regeln für die Wirtschaft, vor allem nicht für amerikanische Firmen.

Warum sind die Migranten aus Zentralamerika und Mexiko in den USA nicht willkommen?

Georg Bush senior sagte, ganz Nordamerika würde eine große Familie werden. Diese Familie wird durch eine 3200 Kilometer lange Grenze getrennt, von denen 1700 Kilometer mit festen Sicherungsanlage versehen sind: Der Rest wird unter anderem durch Radar, Wärmesensoren und ferngesteuerte Flugzeuge überwacht. Viele Politiker sind der Auffassung, dass ein Migrant zu sein, bedeutet, ein Krimineller zu sein. Und mit Kriminellen will man nicht verhandeln. Eine Migrationsreform ist so unmöglich.

Welche Lösungen könnte es in dieser Situation geben?

Das Hauptmotiv für die Auswanderung ist Armut. Deshalb muss sich die ökonomische Lage in den Ländern Zentralamerikas ändern, aber auch in Mexiko, wo 70 Millionen Arme leben und gleichzeitig einer der reichsten Männer der Welt. Es muss aber auch ein Umdenken in der Politik Mexikos und der USA stattfinden. Bezüglich der Armutsbekämpfung und der Migration war die Politik bisher, keine Politik zu haben. Im Zentrum muss stehen: Zuerst kommt der Mensch, dann die Grenzen.

Sie möchten aus Sicherheitsgründen nur Ihren Spitznamen in der Zeitung lesen. Wie kommen Sie auf "Chuck Norris"?

Einmal hat mich ein Honduraner so getauft, der fand, ich sähe dem amerikanischen Schauspieler ähnlich. Unter diesem Kosenamen kennen mich seitdem die Migranten.

Bei all den Problemen, was treibt Sie in Ihrem Einsatz für die Migranten an?

Ich empfinde große Bewunderung für die Menschen, die ihre Heimat auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen und dabei ihr Leben riskieren. Ich sehe in meiner Arbeit einen Beitrag zur Erkenntnis, dass jeder Mensch Würde und Rechte hat. Die Migranten zeigen mir große Anerkennung und dafür bin ich zutiefst dankbar. Wenn ich einen Anruf aus Atlanta oder New York von denjenigen bekomme, die es geschafft haben, dann weiß ich, dass sich meine Arbeit lohnt.

Auch Amnesty International tritt für die Menschenrechte der Migranten in Mexiko ein. Auf einer Feierlichkeit zum 50-jährigen Bestehen der Organisation am 28. Mai in Berlin wurde dem Mexikaner Abel Barrera Hernández der Menschenrechtspreis verliehen. Er setzt sich für die indigene Bevölkerung im Bundesstaat Guerrero ein. Weitere Informationen zur Menschenrechtssituation in Mexiko sind hier abrufbar. Wer die Herberge in Saltillo unterstützen möchte, kann an einer Kampagne von Amnesty zum Schutz der Migranten teilnehmen oder sich mit dem Projekt selbst per Email ( humanidadsinfronterasac@yahoo.com.mx ) in Verbindung setzen.

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