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Der serbische Mythos

Ramon Schack • 27. May 2011

Ein guter Tag für die Gerechtigkeit. S. Hofschlaeger  / pixelio.de
Ein guter Tag für die Gerechtigkeit. S. Hofschlaeger / pixelio.de

Aufgewachsen im Jugoslawien der Nachkriegszeit, erzogen im Geiste der Brüderlichkeit und Völkerfreundschaft, gemäß den damals vorherrschenden titoistischen Dogmen, lebten in Mladic - wie bei vielen Bewohnern dieses auf Blut und Tränen aufgebauten Vielvölkerstaates - die unaufgearbeiten Folgen der Vergangenheit, die uralten Mythen, der ethnische Hass, weiter.

Mythos von der gequälten Nation
Als es mit Jugoslawien abwärts ging, die Völker ihr Heil in der größtmöglichen Unabhängigkeit von Belgrad suchten, lebte der "serbische Mythos" bei Mladic und vielen anderen Angehörigen dieser größten Ethnie Jugoslawiens wieder auf.

Der Mythos von der gequälten Nation, dem von der Geschichte benachteiligten Volk, dem Leid der Serben in der Geschichte, ihrem jahrhundertelangen Kampf gegen Byzantiner, Osmanen, Habsburgern, deutschen Nazis, italienischen Faschisten, kroatischen Seperatisten und bosnischen Muslimen.

Als Bosnien sich 1992 für unabhängig erklärte kehrte Ratko Mladic, der es inzwischen zum General der Jugoslawischen Armee gebracht hatte, in die Heimat zurück.

Jetzt schlug seine Stunde. Den anhaltenden Zerfallsprozess Jugoslawiens betrachtete er, ähnlich wie die Vertreter des Milosovic-Regimes in Belgrad, als eine Verschwörung ausländischer Kreise, unter Führung von Deutschland, zur Vernichtung des Serbischen Volkes. Die Sezession der muslimischen Bevölkerung Bosniens wollte er mit allen Mitteln verhindern.

Seine Truppen besetzten die strategisch wichtigsten Positionen, unter anderem die Hügel um Sarajewo, von wo die Soldaten, überwiegend Söhne der serbischen Bergbauern, die Stadt und ihre urbanen, multiethnischen und intellektuellen Bewohner unter Beschuss nahmen. Nicht selten wurden hier auch persönliche Rechnungen beglichen, angetrieben von antiurbanen Ressentiments, vom Hass auf die Stadt, wie er sich auch schon immer in anderen Kriegs- und Kriesengebieten entfaltet hatte und hat.

Der Krieg in Bosnien war blutiger als die Kämpfe in Kroatien und Slowenien zuvor, schon bevor es 1995 zu dem Massaker von Srebrenica kam. Schon 1992, im ersten Kriegsjahr, waren großte Teile Bosniens in ein Leichen- und Schlachthaus verwandelt wurden. "Ethnische Säuberungen" waren an der Tagesordnung.

Drei Jahre später betrat Ratko Mladic dann entgültig die Bühne der Weltöffentlichkeit. Die Fernsehzuschauer, rund um den Globus, bekamen einen bulligen Graukopf, mit gerötetem Gesicht zu sehen. Kurz zuvor waren Mladics Truppen in der UN-Schutzzone von Srebrenica eingerückt, wo sich zehntausende von muslimischen Flüchtlingen versammelt hatten.

Blutbad von Srebrenica 1995
Ein Jahr zuvor hatte der General einen schweren Schicksalsschlag erlitten, seine Tochter hatte sich das Leben genommen. Mitfühlender, ja menschlicher, machte ihn das Ereignis nicht. Kurz nach der Beerdigung seiner Tochter, sagte Mladic im serbischen Fernsehen:"Wir werden nicht warten, bis sich die Muslime unter den Fittichen der UN-Truppen in ihre Schutzzonen zurückgezogen haben, um uns dann von dort aus anzugreifen. Wenn sie so weitermachen, bekommen sie eine Lektion, die sie nicht vergessen!"

Im Sommer des folgenden Jahres erteilte Mladic den Muslimen dann eine Lektion, der Weltöffentlichkeit auch. Nicht zum ersten Mal versagten die Truppen der UN. Die niederländischen Blauhelmsoldaten leisteten keinen Widerstand, sondern sahen ohnmächtig zu, wie die serbischen Truppen die muslimischen Frauen und Kinder trennten, dann anschließend ca. 8000 muslimische Männer und Jungen ab 12 Jahren massakrierten.

Das Blutbad von Srebrenica 1995 war der Höhepunkt des Krieges in Bosnien, gleichzeitig leitete er auch dessen Ende ein, bis zu dem fragilen Frieden der heute dort noch herrscht. Die NATO intervenierte militärisch. Ende des gleichen Jahres kam es zu dem Friedensvertrag von Dayton. Das Internationale Kriegsverbrecher-Tribunal erhob umgehend Anklage gegen Mladic, der daraufhin untertauchte.

Knapp 16 Jahre war er unauffindbar. Jetzt, fast 20 Jahre nachdem Ausbruch des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, der in Slowenien begann, im Kosovo endete, der hundertausende tötete, Millionen zu Flüchtlingen machte, durch den sieben neue Staaten in Europa entstanden sind, wurde Ratko Mladic verhaftet.

Die serbischen Polizisten inhaftierten einen alten gebrochenen Mann, der sich jetzt für seine Kriegsverbrechen verantworten muss. Ein guter Tag für die Gerechtigkeit, für Europa, für die Angehörigen der Opfer, für Serbien. Der Fall Mladic bleibt eine Warnung, welche Folgen uralte Mythen im Verbund mit politischen Umwältzungsprozessen und ethnischen Konflikten darstellen - bis zum heutigen Tag.

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