vorwärts: Presseberichten zufolge herrscht zwischen den Vorsitzenden der SPD und der FES eine "eisige Funkstille".
Peter Struck: Das stimmt nicht. Sigmar Gabriel hatte im Vorfeld meiner Wahl einige Bedenken geäußert - weil er andere Personalvorstellungen hatte. Aber inzwischen haben wir uns
lange ausgesprochen. Das ist bereinigt.
"Bedenken geäußert" ist sehr diplomatisch formuliert. "Polternd und türenknallend" soll Sigmar Gabriel die FES-Vorstandssitzung im Oktober 2010 verlassen haben.
Sigmar war empört über einen Vorstandsbeschluss, mich als Nachfolger für Anke Fuchs vorzuschlagen, bevor er seine Vorstellungen äußern konnte. Wie schon gesagt, all das ist Vergangenheit.
Sigmar und ich sind uns einig, dass es um gute Arbeit der FES geht.
Gleich drei Veranstaltungen der FES in den letzten Tagen haben in ehemaligen Fabrikanlagen stattgefunden, mit viel auch sehr jungem Publikum. Ist das der neue Stil der Stiftung?
Ja, wir wollen nicht immer nur in unseren eigenen Räumlichkeiten Veranstaltungen durchführen, mit oft dem immer gleichen Publikum. In der Berliner "Kalkscheune" haben wir über die
"Despotendämmerung" in Nordafrika diskutiert, mit vielen jungen Menschen.
Hat die Stiftung auch vor Ort in diesen Ländern helfen können?
Viele derjenigen, die in Tunesien, Ägypten oder Jemen jetzt eine aktive Rolle spielen, sind uns seit längerem bekannt. Wir helfen, wo wir können, beim Aufbau von demokratischen Parteien und
Gewerkschaften. Da sehen wir uns in einer stolzen Tradition. Wir haben, mit Willy Brandt und Felipe Gonzalez, beim Aufbau eines demokratischen Spanien helfen können. Die portugiesische Partei
unter Mario Soares ist in Münstereifel gegründet worden. Jetzt versuchen wir, den Wurzeln der sozialen Demokratie auch in den Staaten Nordafrikas Halt zu geben.
Die internationale Kompetenz der Stiftung war aber auch nicht Gegenstand der Kritik aus dem Parteivorstand.
Nein, auch Sigmar Gabriel hat die internationale Arbeit der Stiftung immer gelobt - und ihre Hilfe bei Auslandsreisen ja auch gern in Anspruch genommen. Seine Frage war, ob die Stiftung
sich nicht hier in Deutschland neuen Themen zuwenden müsste. Das sehe ich auch so. Wir haben darüber viele Gespräche in der Stiftung geführt. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.
Die Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht, hat gerade ein populär gemachtes Heft zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft veröffentlicht: "Kick it like Bajramaj". Könnte so etwas
also künftig auch von der Ebert-Stiftung kommen?
Die Idee ist nicht schlecht. Wenn man sich ansieht, was wir im Laufe des Jahres publizieren, ist sehr vieles darunter, das nur für Fachleute hochinteressant ist. Das kann man sicher auch
auf andere Weise zugänglich machen. Man muss nicht alles aufwändig drucken. Und wir müssen neue Medien nutzen. In der Veranstaltung zur "Despotendämmerung" hatten wir 500 Teilnehmer vor Ort -
weitere 2000 waren per Lifestream im Internet dabei. Auch aus Kairo wurden Fragen gestellt. Sehr beeindruckend.
Sigmar Gabriel hat sich gewünscht, die Stiftung möge ein "programmatisch-intellektuelles Kraftzentrum" sein.
Das sind wir. Einem US-amerikanischen Ranking zufolge ist die FES weltweit die Nummer Eins unter den parteinahen Think Tanks. Gerade jetzt erarbeiten wir, mit hervorragenden
Wissenschaftlern, ein Gutachten, um herauszufinden, ob ein Ausstieg aus der Kernenergie wirklich bedeuten muss, dass die Strompreise steigen. Wir sind ein Zulieferer von guten Ideen für
diejenigen, die Ideen umsetzen müssen.
Dann könnte es allenfalls noch an der Umsetzung hapern.
Warten wir ab. Kritik an der Stiftung gilt seltener den Inhalten der Arbeit, öfter der Erscheinung. Da war, ich zitiere Unschönes aus Zeitungen, von "Gerontokratie" die Rede. Ich will nicht
verschweigen, dass ich 68 Jahre alt bin, aber Alter allein ist ja nun auch kein Nachteil. Es ist kein Verdienst, jung zu sein. Die Bundestagsfraktion der FDP ist mir, mit Verlaub, suspekt. Weil
da viele junge Leute sitzen, die alle gleich aussehen, alle gleich agieren. Politische Erfahrung, auch Lebenserfahrung kann nicht schaden. Aber ich bin schon bemüht, auch jüngere Politiker mehr
heranzuziehen; wie Nils Schmid oder Torsten Schäfer-Gümbel.
Oft hört man, die Konkurrenz sei aktiver bei der Nachwuchsförderung.
Das kann man nicht sagen. Wir haben etwa 17 000 ehemalige Stipendiaten der Ebert-Stiftung, die alle hier bei uns erfasst sind. Wir nutzen deren Sachverstand.
Gesetzt den Fall, eine SPD-Gliederung sucht einen Kandidaten fürs Bürgermeisteramt und hat selbst keinen. Gäbe es dann eine Adresse bei der FES, um anzufragen: Ihr kennt so viele gute und
kluge Leute, könnt Ihr uns Namen nennen?
Der Ansprechpartner für Parteigliederungen muss schon das Willy-Brandt-Haus sein. Aber ein Talentpool, das sind wir.
Dafür ist die Stiftung ja mal gegründet worden: um Kindern der Arbeiterklasse die Chance zu geben, Bildung zu erwerben und Verantwortung zu übernehmen.
2700
Studierende und Promovierende wurden im letzten Jahr gefördert
53 Prozent
der geförderten Studenten stammen aus bildungsfernen Familien
2800
Veranstaltungen organisierte die FES im letzten Jahr
200 000
Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten diese 136 Mill. Euro beträgt der Jahresetat
620
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für die Stiftung im In- und Ausland tätig
12 Millionen
Zugriffe gibt es jährlich auf das Internetangebot www.fes.de







