Ballerinen sagen, ihr Beruf sei der schönste der Welt. Das Tanzen beschert Glücksgefühle - dem eigenen Körper wie dem Publikum. Aber Ballett ist, mit Schnelligkeit und Sprungkraft, Anmut und Artistik, eine Kunst der Jugend: Ab 30 lässt der Körper langsam nach. Die Probleme von Älteren auf dem Arbeitsmarkt treffen Tänzer hart und besonders früh. Spätestens mit 40 Jahren trainieren die meisten ab, müssen sich auf ein neues Leben einrichten. Aber wie?
"Man sollte früh beginnen, sich auf den Berufswechsel einzustellen", sagt Stefan Moser, 44. Er ist Tänzer und Personalratsvorsitzender der Bayerischen Staatsoper in München. Und: Er ist im Kuratorium einer neuartigen Stiftung. "TANZ - Transition Zentrum Deutschland" hat seit Herbst letzten Jahres von Berlin aus rund 50 Ratsuchenden aus der bundesweiten Ballettwelt Tipps gegeben. Bei Behördengängen. Welche Ansprüche es gibt.
Ist eine Umschulung angesagt oder eine Existenzgründung? Weiß ein Ballerino, in welche Richtung er gehen will oder muss erstmal ein Profil erstellt werden? Stefan Moser sorgte selbst vor. Er war stets gewerkschaftlich engagiert. Zudem absolvierte er eine Schulung zum Choreologen, kann also Bewegungspartituren erstellen. Bei Bedarf kann er in diesen Job wechseln.
Heike Scharpff, früher Regisseurin, ist die einzige Beraterin der Stiftung. Aber sie kann Perspektiven aufzeigen, auf Deutsch und Englisch. Mit wie viel Erfolg, meint sie, könne sie noch nicht sagen.
Die meisten Tänzer sind süchtig nach ihrem Beruf. Sie wählen ihn, wenn sie noch Kinder sind. Wie Leistungssportler trainieren sie bis zur Grenze der Belastbarkeit, bestehen einen internationalen Konkurrenzkampf. Sie haben aber - anders als Sportler - kaum ein soziales Netz, das sie im Notfall auffängt. Die Renten sind eher gering. Dabei ist die Unfallgefahr hoch, Invalidität eine stete Gefahr. Gruppentänzer bekommen nur Jahres- oder Zweijahresverträge und "tingeln" mehr durch ihre beste Lebenszeit, als dass sie sich an einem Theater entwickeln könnten.
Stefan Moser hat darum eine Vision: Er möchte, dass schon Jungtänzer sich Gedanken über ihre zweite Lebenshälfte machen: "Es kann sein, dass jemand ein technisches Talent hat. Oder naturwissenschaftliches Interesse. Oder kaufmännisches Geschick." Wer sich früh ausprobiert und nebenbei weiterbildet, so Moser, fällt weniger hart, wenn es heißt: "Ihr Vertrag wird nicht verlängert."
Noch bevorzugen verunglückte oder gealterte Tänzer Theaterjobs. Choreograph, Ballettmeister oder Lehrer können aber nicht alle werden, und beim Besucherdienst oder als Pförtner finden
Körperkünstler selten ihr Glück. Besser gelingt ihnen persönliche Entfaltung als Sozialarbeiter, Pilot oder Orthopäde. Dafür gibt es Beispiele. Aber ein Studium ist teuer und nicht immer machbar.
Schicksale, die Mut machen
Die ehemalige Hamburger Startänzerin Heather Jurgensen kann da Einiges erzählen. Ihr Versuch mit einem Delikatessengeschäft scheiterte. Die einst gefeierte Verführerin im Spitzenschuh
erlitt viel Kummer, bis man ihr einen Posten antrug, der sogar einen gesellschaftlichen Aufstieg mit sich brachte: Im September wird sie mit ihrem Mann die Ballettdirektion in Kiel
übernehmen.
Tatsächlich gibt es immer wieder auch Schicksale, die Mut machen. Maria-Helena Buckley etwa, die einst als Solistin in Berlin tanzte und heute in Paris lebt. Sie fand während ihres inneren Abschieds von der Bühne zur neuen Lebensaufgabe: Sie wurde eine begehrte Fotografin, vor allem für Ballett. Die strikte Disziplin und hohe Einsatzbereitschaft, die sie vom Tanz her kennt, helfen ihr im neuen Beruf, sagt sie. Teamgeist und Konzentrationsfähigkeit werden Tänzern ohnehin nachgesagt.
Aber: Aktive Tänzer leiden an chronischem Zeitmangel. Morgens haben sie Training, danach Proben, abends Vorstellung oder weitere Proben. Die Wochenenden und Festtage sind oft gefüllt mit Arbeit, die Ferien mit Workshops oder Gastauftritten. An die Zukunft denken diese Tanzbegeisterten kaum, an gewerkschaftliches Engagement noch weniger. Streik für eine angemessene Altersabsicherung käme ohnehin nicht infrage, denn Tänzer wollen täglich trainieren, sonst verlieren sie ihre Kondition.
Stefan Moser weiß: "Es ist schwer, jungen Tanzbesessenen klar zu machen, dass sie sich beizeiten mit etwas völlig anderem beschäftigen sollten." Früher war das sogar tabuisiert; seit Hartz IV ändert sich hier etwas. Zu deutlich stehen jetzt die Gefahren vom Abrutschen in Armutund Depression, auch in Alkoholismus oder in die Psychiatrie vor Augen. Dass bereits im letzten Jahrhundert darüber nachgedacht wurde, wie hart Tänzer das Altern trifft, zeigt die Dell'Era-Gedächtnis-Stiftung. Sie hilft ehemaligen bedürftigen Tänzern der Berliner Staatstheater mit Zahlungen für Fortbildung, medizinische Kosten oder Rentenergänzung.
Die Grundlage bildet das Vermögen der verstorbenen Ballerina Antonietta Dell'Era-Marsop, aus welchem seit 2004 in Not geratene Tänzerinnen unterstützt wurden. Spenden und Benefiz-Galas füllen die Kasse der Stiftung - die dennoch kein Allheilmittel sein kann.
Rechtzeitige Vorbereitung ist die einzige Chance. Die "Tänzerrente", die in der DDR alle erhielten, die 15 Jahre lang den Beruf ausgeübt und das 35. Lebensjahr erreicht hatten, wird wohl nicht wieder kommen. Aber vielleicht sollten Tänzer generell einen Tag in der Woche proben- und vorstellungsfrei haben, um sich nach dem morgendlichen Training fortzubilden. Sonst sind Tänzer doppelt bestraft: Sie verlieren ihren erlernten Beruf, ohne eine Alternative zu haben.
Tanzfilm-Tipp:
Romantisch, clownesk, klassisch
Auf der Bühne geht oft alles so schnell: Tüllröcke fliegen vorbei, graziös trippeln Füße an der Rampe entlang. Und dann soll man noch die Handlung verstehen oder die psychologische Entwicklung
der Figuren. Da sind DVDs von hochkarätigen Aufführungen gut, sich dem Thema Ballett zu nähern. Man kann stoppen oder auf Zeitlupe schalten.
Die Autorin Gisela Sonnenburg empfiehlt:
"Schwanensee", "Don Quichot", "Caravaggio" und die "Dancers Dream Box" mit Megastar Rudolf Nurejew (alle Arthaus
Musik).
Maria-Helena Buckley war früher gefeierte Ballett-Solistin und ist heute begehrte Fotografin.

Stefan Moser ist Tänzer und Personalratsvorsitzender der Bayerischen Staatsoper.







