Von der einmaligen architektonischen Schönheit Bachtschyssarajs ist in dieser Siedlung allerdings nichts zu spüren. Graue Holzhäuser säumen die Hauptstraße, welche sich als ungepflasteter,
staubiger Pfad präsentiert. Vor den Häusern grasen Kühe, Esel und Ziegen laufen umher.
Ein Junge, der auf einem nacktem Pferderücken entgegenkommt, winkt den Fremden zu. Die touristischen Anziehungspunkte der Stadt, wie der ehemalige Khan-Palast, der berühmte Tränenbrunnen,
welcher schon von Alexander Puschkin in einem Gedicht verewigt wurde, scheinen Lichtjahre entfernt. Auf einer Bank sitzen zwei alte Frauen, zu ihren Füßen ein Korb, randvoll gefüllt mit
Cherrytomaten.
Dann, vor dem größten Haus in der Siedlung, einem stattlichen, aus vier Etagen bestehenden Gebäude, ist die Suche zu Ende. Hier lebt Mustafa Abdulcemil Kirimoglu. Kirimoglu bedeutet "Sohn
der Krim". Der Name ist passend, denn im Jahr 1943 erblickte Kirimoglu auf der Halbinsel im Schwarzen Meer das Licht der Welt.
Ein junger Mann im Boss-Anzug, der offenbar als Bodyguard fungiert, öffnet die Pforte. Hinter dem Rücken der Gäste fixiert er die nähere Umgebung mit eiskaltem Blick, als würde irgendwo ein Heckenschütze lauern. Der Mann führt die Gäste ins Haus, der Revolver an seiner Gürtelschnalle ist nicht zu übersehen. Der Weg führt durch den Eingangsbereich, wo eine geöffnete Tür den Blick auf ein improvisiertes Fitnessstudio bietet, hinauf in den 2. Stock.
Großer Dissident der späten Sowjetära
Mustafa Kirimoglu empfängt die Gäste in seinem Büro, steht milde lächelnd hinter seinem Schreibtisch, begrüßt die Besucher mit großer Herzlichkeit. Die Vorstellung fällt schwer, dass es sich
bei diesem älteren Herrn um einen der großen Dissidenten der späten Sowjetära handelt, einem der stillen Helden des 20. Jahrhunderts. Ein Mann der jahrzehntelang der Sowjetmacht trotzte,
Verhaftung, Verbannung und Lagerhaft überlebte, dabei sein Ziel niemals aus den Augen verlor: Die Rehabilitierung seines Volkes, der Krimtataren.
Im Jahr 1944, Kirimoglu war noch kein Jahr alt, ließ Stalin das gesamte Volk der Krimtataren nach Zentralasien deportieren. Wohl jeder vierte Krimtatare kam dabei ums Leben. Auf der
Halbinsel selbst wurde die jahrtausend alte Präsenz dieses Volkes, welches zusammen mit anderen nichtslawischen Minderheiten vertrieben wurde (mit Ausnahme der Armenier), um Platz für slawische
Neusiedler zu schaffen, zerstört. Nichts und niemand sollte mehr an die Krimtataren erinnern, fast alle Kulturstätten und Siedlungsgebiete fielen der Vernichtung anheim.
"Es war ein kultureller Genozid, selbst die Werke von Marx und Engels in Krimtatarisch wurden verbrannt", führt Kirimoglu aus. In den Nachfolgestaaten der UdSSR wird Kirimoglus Namen in
einem Atemzug mit Andrei Sacharow genannt, den weltweit bekannten Bürgerrechtler, der 1989 verstarb.
Ach übrigens, Sacharow.
Eine Etage höher, in einem weitläufigen Raum, der voll gestellt mit Erinnerungsstücken, Auszeichnungen, Präsenten und Fotographien wie ein Museum wirkt, holt Kirimoglu ein etwas
vorsintflutlich aussehendes Radiogerät aus dem Schrank, einen Weltempfänger. "Das war ein Geschenk von Sacharow", erwähnt Kirimoglu, während er das Radiogerät vorsichtig, als handele es sich um
ein zerbrechliches, archeologisches Fundstück, auf den Tisch stellt. "Sacharow schenkte es mir, damit ich die ausländischen Sender empfangen kann. Er war ein Prachtmensch, ein treuer Freund und
Weggefährte, der leider viel zu früh von uns gegangen ist!", fügt er hinzu, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hat.
Der Tabakqualm hängt schwer in der Luft, fast wie die Erinnerungen, in denen Kirimoglu jetzt für einen Augenblick zu schwelgen scheint.
Als Frühjahr 1944 Rotarmisten auf der Krim einzogen, galten die Tataren als Verräter am Sowjet-Reich. Während der deutschen Okkupation durften sich die Krimtataren auf lokaler Ebene selbst
verwalten; zu einer echten Selbstregierung indessen gelangten selbst die germanophilen Krim-Türken nicht: Der künftige Kurort für treue Volksgenossen sollte letztlich auch tatarenrein werden.
Denn die Krim, so schwadronierte Hitler, war einst Mittelpunkt des Ost-Gotenreiches.
Einige Krimtataren dienten sogar als Soldaten in den Besatzungstruppen. Andere leisteten Widerstand, wurden hingerichtet, was später niemand mehr hören wollte. Selbst Jahrzehnte später in den Orten der Verbannung ließ man den Angehörigen dieser Volksgruppe die staatlich verordnete Diskriminierung spüren.
"Antisowjetische Agitation" und "Bürgerlicher Nationalismus"
Mustafa Kirimoglu veröffentlichte einen harmlosen Aufsatz über die Geschichte seines Volkes. Grund genug, ihn damals in den frühen 1960er Jahren während der so genannten Tauwetterperiode
unter Chrutschow, den Zugang zur Uni zu verwehren und ihn in die Produktion zu stecken.
"Antisowjetische Agitation", sowie "Bürgerlicher Nationalismus" lauteten die Anklagepunkte. Ein Leben als Dissident war vorprogrammiert. "Die Sehnsucht, nach unsere Heimat der Krim, der
Wunsch der Rückkehr unseres Volkes, wurde von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben", weiß Kirimoglu zu berichten. "So war es fast in jeder krimtatarischen Familie." Aus diesem Grunde, mit dem
Hinweis: "Ich habe kein Vaterland!", verweigerte er auch den Dienst in der Roten Armee.
Zwischen 1966 und 1986 war das Leben Kirimoglus geprägt von permanenter Überwachung, Verhaftungen, Anklagen, Verbannungen und Arbeitslagern, in den entlegensten Winkeln des Sowjetimperiums.
Sein Engagement blieb davon unbeeindruckt. "Ich habe immer geahnt, eines Tages wird das totalitäre System untergehen. Dieser Glaube, sowie das Schicksal meines Volkes, hat mir Kraft gegeben."
Die Tür springt auf. Kirimoglus Ehefrau, tritt mit einem Tablett herein, reicht türkischen Kaffee und Gebäck, setzt sich dann neben ihren Mann. "Sein Name war mir schon bekannt, bevor ich
ihm zum ersten Mal begegnet bin", erzählt die gelernte Deutschlehrerin, eine freundliche, zurückhaltende Frau.
Verbannung endet mit der Perestroika
Nach der Hochzeit lebte sie mit ihm jahrelang in der Verbannung. Als Mustafa im Straflager saß, im entlegenen Magadan, erteilten ihr die sowjetischen Behörden kaum eine Genehmigung für
seltene Besuche, oder entzogen diese im letzten Augenblick. Die Ehe hielt trotzdem, während es mit der Sowjetunion abwärts ging. Nach dem Amtsantritt von Gorbatschow, mit dem Beginn der
Perestroika, die schließlich zum Zusammenbruch der UDSSR führte, kamen die Dinge ins Rollen.
1987 wurde er in die "Zentrale Initiativgruppe der Krimtataren" gewählt. Zwei Jahre darauf, konnte er mit seiner Familie nach Bachtschyssaraj ziehen, zu einem Zeitpunkt als 280.000
Krim-Tataren, in ihre Heimat zurückkehren durften. Sein politisches Engagement war damit noch nicht am Ende. Die Krimtataren beriefen 1991 eine Nationalversammlung "Meclis" ein wählten ihn zu
ihrem ersten Vorsitzenden. Eine Position die er bis heute ausübt.
Auch 20 Jahre nach dem Ende der UDSSR gibt es noch viele Probleme. Die Rückkehr der Krimtataren stieß auf viel Feindschaft. Die ukrainisch/russischen Bewohner wurden jahrzehntelang im
Glauben erzogen, die Krimtataren seien Feinde. Die ökonomische Dauerkrise, der Kampf um Ländereien und ehemalige Besitztümer, der Zusammenprall von verschiedene Sprachen und Religionen, heizt
ethnische Konflikte an.
"Meine Aufgabe ist noch nicht beendet!" betont Kirimoglu."Zehntausende Krimtataren hängen noch in der Diaspora fest. Erst wenn alle auf die Krim zurückgekehrt sind, kann ich den Ruhestand
antreten!" fügt er lachend hinzu. Kirimoglu besitzt heute so etwas wie einen Heldenstatus. Als Abgeordneter des ukrainischen Parlamentes pendelt er zwischen Kiew und der Krim hin und her. Fast
wöchentlich empfängt er Besucher und Delegation, erteilt Ratschläge, versucht zu helfen.
Der Bodyguard betritt den Raum. Das Taxi führ die Besucher ist in 10 Minuten da. Draußen ist es dunkel geworden. Obwohl er die jahrzehntelangen Schikanen des Sowjetsystems überlebt hat, ist
sein Leben heute wieder bedroht. Morddrohungen tauchen regelmäßig auf. "Die Wahabiten versuchen unsere Jugend zu manipulieren!", erwähnt er besorgt. "Eine große Gefahr!"
Er zündet sich noch eine Zigarette an. Ob diese Drohungen wirklich aus radikal islamistischer Ecke kommen, sei nicht 100 Prozent sicher. "Vielleicht kommen diese Drohungen auch aus einer
ganz anderen Richtung. Der KGB entlässt seine Mitarbeiter nie!", deutet er an, während er die Zigarette im Aschenbecher löscht. Kirimoglu schaut aus dem Fenster, in die Dunkelheit, wo dieLichter
die neuen Siedlungen der Krimtataren markieren. "Ich hatte weder damals Angst, noch heute. Aber die Freiheit ist gefährdet, man muss sie sich ständig neu erkämpfen!", sagt er zum Abschied,
während er den Besuchern die Hände drückt. Es ist ein fester Händedruck.







