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Icon   Uwe Knüpfer zur Bürgerschaftswahl in Bremen

Die SPD gewinnt. Ja, darf denn das sein?

Uwe Knüpfer • 23. May 2011

Klarer Sieger der Bremer Bürgerschaftswahl 2011: Bürgermeister Jens Böhrnsen / spd-land-bremen.de
Klarer Sieger der Bremer Bürgerschaftswahl 2011: Bürgermeister Jens Böhrnsen / spd-land-bremen.de

"Bremen wählt den Politikverzicht" titelt Spiegel online heute früh, nach der hanseatischen Bürgerschaftswahl. Na so was! Wird das Bremer Rathaus geschlossen? Oder waren Wahlen und keiner ging hin?

Nein, die Wahlen sind nur nicht so ausgegangen, wie es Spiegel online in den Kram gepasst hätte. Die Vor-Schreiber des Stimmungsjournalismus hatten sich die Geschichte doch so schön zurechtgelegt, seit Stuttgart 21, Fukushima und den Triumphen der Grünen im Südwesten: Die Sozialdemokraten verschwinden im Nichts, die Grünen übernehmen ihren Platz im Parteiensystem.

Von Spiegel über Zeit bis Bild und Stern haben sie diese Geschichte illustriert und lustvoll kommentiert: bevor sie sich ereignet hat. Wie es im politischen Journalismus leider üblich geworden ist.

Doch nun haben die Wähler in Bremen die SPD-Vormacht bestätigt, nach 65 Jahren ununterbrochenen Regierens. Die SPD hat zugelegt - obwohl auch hier die Grünen stärker geworden sind. Und obwohl die Linken wieder in der Bürgerschaft vertreten sein werden. Verloren haben CDU und die schwindsüchtige FDP. Wenn man in die Theorie verliebt ist, die SPD sei eigentlich überflüssig und die Wähler ihrer überdrüssig, ist das verstörend.

Und so stellte sich Georg Mascolo, immerhin Chefredakteur des einstigen Sturmgeschützes des deutschen Politikjournalismus, gestern Abend vor die Kameras und gestand aus unfrohem Herzen, er verstehe die Bremer Bürger einfach nicht: "Das können wir uns nicht erklären." Also: Selbstkritik üben, nachdenken, Buße tun? Von wegen. Die Wahlergebnisse schnell abhaken, vergessen und lieber Vor-Urteile weiter pflegen.

Wie das geht, demonstrierte Jörg Schönenborn, der Oberdemoskopieinterpret der ARD. Ihm gelang es, an einem Abend, an dem die SPD mit weitem Abstand auch vor den Grünen gewonnen hat, doch tatsächlich ein Schaubild zu präsentieren, auf dem die Kurve der Bremer SPD steil nach unten weist. Wie das geht? Man nimmt die Wahlbeteiligung und zeigt die Zahl der abgegebenen Stimmen. Zwar hat die SPD gestern in Bremen auch in absoluten Wahlstimmenzahlen fast exakt so viel Zustimmung erhalten wie vor vier Jahren, aber wenn man weit genug ausholt, kommt eine eindrucksvolle Kurve mit Tendenz nach unten zustande: weil die Wahlbeteiligung seit Jahren sinkt, und weil in Bremen diesmal auch 16jährige schon wählen durften. Mit besonderer Lust haben die Teenager dieses Geschenk offenbar nicht angenommen.

Hat Jörg Schönenborn vergleichbare Grafiken der CDU oder gar der FDP präsentiert? Nein. Nur der SPD galt es "nachzuweisen", dass sie mitten im Sieg doch noch ein Verlierer sei.

Das war schon ein besonderes Kabinettstückchen tendenziösen, also schlechten Journalismus'.

Wenn die Kollegen bei ARD und Spiegel denken wollen würden, statt Stimmung zu machen, könnten sie sich mit folgenden bemerkenswerten Botschaften der Bremer Bürger auseinandersetzen:

Erstens: Es ist kein Naturgesetz, dass Parteien, die lange regieren, erschlaffen und folglich abgewählt werden. Parteien, die es schaffen, programmatisch und personell auf der Höhe und nah an den Nöten der Menschen zu bleiben, dürfen durchaus weitermachen.

Zweitens: Rot-Grün liegt deutlich vor Schwarz-Gelb. Die Grünen wildern inzwischen vor allem in konservativen Wählerschichten.

Drittens: Wenn eine Partei in Deutschland im Begriff ist, sich überflüssig zu machen, ist es die FDP. Ihre Personal-Rochade hat ihr nicht genutzt.

Und viertens: Die Bremer SPD hat sich in Taten und Worten um das Gemeinwohl bemüht. "Miteinander" ist ihr Wahlspruch gewesen. Das ist ur-sozialdemokratisch. Und das kommt an. Heute wie vor 150 Jahren.

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