vorwärts.de: Sie sind seit 30 Jahren in diesem Beruf. Würden sie ihn noch mal ergreifen?
Carola Tönnemann: Ich würde es immer wieder machen. Auch wenn der Beruf anders war, als ich mich mit 16 dafür entschied. Er war weniger technisiert. Wir konnten uns mehr um die
Patienten kümmern. Trotzdem ist es immer noch ein sehr, sehr schöner und vielfältiger Beruf, auch unter den veränderten Rahmenbedingungen. Das versuche ich den jungen Leuten zu
vermitteln.
Was hat sich verändert?
Die Patienten bleiben nur sehr kurz. Die Menschen, die ins Krankenhaus kommen, werden älter und kränker. Deshalb wird die Pflege aufwendiger, anspruchsvoller. Die Dokumentation hat immens zugenommen. Das System der Fallpauschalen erfordert unter anderen eine lückenlose Dokumentation, damit sie richtig abgerechnet werden können. Die klassische Pflege hingegen ist weniger geworden. Man hat die Medizin im Blick, und das ist richtig so. Aber die Zeit, sich mal hinzusetzen und mit jemandem zu reden, ist nicht mehr da und dies wäre manchmal sehr wichtig.
In Ihrem Krankenhaus erfolgt die Dokumentation elektronisch. Hat das Ihre Arbeit erleichtert?
Ja. Wir haben für jeden Patienten eine elektronische Patientenakte. In die geben wir alle Informationen ein: Verordnungen, Verbandswechsel, Blutdruck, Fieber etc. In die kann jeder Zuständige von seinem Arbeitsplatz Einsicht nehmen und entsprechende Anordnungen umsetzen.
Das heißt weniger Papierkram. Dann müssten Sie eigentlich ja mehr Zeit für die Patienten haben.
Theoretisch ja. Aber die Dokumentationsvielfalt hat zugenommen. Auf Zuruf geschieht gar nichts mehr. Alles geschieht schriftlich. Das ist auch gut so. Der Patient hat ein Recht darauf, vernünftig behandelt zu werden.
Ihr Beruf ist eine mit Nachwuchssorgen. Woran liegt das?
Es gibt weniger junge Leute. Man hat zwar den Beruf für Hauptschüler geöffnet, hat aber die hohe fachliche Kompetenz unterschätzt, die von einer Pflegekraft erwartet wird. Es ist schwieriger, junge Leute zu finden, die die Leistung bringen können. Die Abiturienten hingegen gehen oft nach der Ausbildung ins Studium.
Hat der Mangel an Nachwuchs auch mit der Bezahlung zu tun?
Ich würde sagen ja. Wir haben im vergangenen Jahr eine Mitarbeiterbefragung bei uns im Haus durchgeführt. Durch die Bank waren alle der Meinung, dass sie, im Verhältnis zu dem was sie leisten, ein bisschen mehr bekommen müssten.
Wenn Sie drei Wünsche an die Politik frei hätten, welche wären das?
Ich würde versuchen, den Beruf nach außen attraktiver zu machen. Wenn ich früher gesagt habe, dass ich Schwester auf einer Intensivstation bin, haben die Leute gesagt: "Wow! Toll!" Heute fragen sie: "Den Beruf machen Sie? Was ist daran schön?" Ich würde mir wünschen, dass das Wow wiederkommt.
Frau Merkel hat mal etwas in die Richtung gesagt, pflegen, dass könne doch jeder. Das kam bei den Pflegenden nicht so toll an. Pflegen darf und sollte nicht jeder, sondern der, der Freude
und die fachliche Kompetenz hat und das Herz an der richtigen Stelle trägt. Pflegekräfte müssen nicht nur über eine fachliche Kompetenz verfügen, sondern auch über eine sehr ausgeprägte Soziale
Kompetenz, denn es geht oft um Menschen die sich als Patient oder Angehörige in schwierige Situationen befinden.
Außerdem würde ich mir wünschen, dass es ein Vergütungssystem gibt, wo man es schafft für Mitarbeiter Anreize zu schaffen, in diesem Beruf zu verbleiben und auch Leitungs- und Führungsverantwortung zu übernehmen. Mein dritter Wunsch wäre, dass die Operationstechnischen Angestellten eine staatliche Anerkennung bekommen. Das ist eine attraktive Tätigkeit. Man arbeitet nur im Operationssaal. Das Personal wird händeringend gesucht. Mit der staatlichen Anerkennung würde auch die Wertschätzung steigen. Außerdem regelt die staatliche Anerkennung die Möglichkeiten der Weiterbildung. Derzeit ist nicht klar, welche Weiterbildungen gemacht werden dürfen.
Ist eine Generalisierung der Ausbildung sinnvoll?
Ja, auf jeden Fall. Die Pflegeberufe brauchen alle die gleiche Grundausbildung. Danach sollte man sich auf die einzelnen Fachgebiete spezialisieren: Krankenpflege, Altenpflege, Kinder, Intensivmedizin, Kardiologie, Endoskopie etc.
Können Sie sich vorstellen, ihn bis 65 oder gar 67 auszuüben?
Nein, mein Ziel ist es alles dran zu setzen, dass ich mit 60 aufhören kann. Ich gehöre zum ersten Jahrgang, der bis 67 arbeiten muss. Die Kolleginnen und Kollegen bei uns, die die Gelegenheit hatten, in Altersteilzeit zu gehen, haben das alle genutzt.
Carola Tönnemann (47) begann 1981 mit 16 Jahren eine Ausbildung zur Krankenschwester. Es folgte eine Fachausbildung in Anästhesie und Intensivmedizin, ein Stationsleiterkurs und ein Studium im Pflegemanagement an der Katholischen Fachhochschule in Köln. Sie arbeitete als Krankenschwester, leitete die Intensivstation am St.-Marien-Hospital in Bonn und wurde nach zehn Jahren als stellvertretende Pflegedirektorin im Jahr 2010 Pflegedirektorin am St.-Marien-Hospital.







