Johanna Lutz, Bettina Munimus: Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Ernährung radikal umzustellen?
Karen Duve: Den Anlass gab meine neue Mitbewohnerin, die immerzu mein Einkaufs- und Essverhalten kommentierte. Erst habe ich mich darüber geärgert, aber dann hat sie mich zum
Nachdenken gebracht. Mir war eigentlich schon lange klar gewesen, wie grausam bei uns Tiere gehalten werden. Aber das hatte ich bis dahin immer verdrängt. Ich denke, das geht den meisten Menschen
so. Fast jeder hat schon einmal Bilder von Massentierhaltungen im Fernsehen gesehen. Laut Umfragen möchten rund 90 Prozent der Bevölkerung nicht, dass Tiere gequält werden. Dennoch essen fast
alle Fleisch von gequälten Tieren. Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns ernähren, und unserem Wertesystem.
Wenn es einen Konsens gibt, warum werden die Gesetze dann nicht entsprechend geändert?
Die Leute mögen keine Lösungen, die persönlichen Verzicht bedeuten. Und das Fleisch soll bitte genauso billig sein wie vorher. Ein ähnliches Muster werden wir erleben, wenn wir künftig auf
Atom-Strom verzichten: Auch dafür werden wir zunächst tiefer in die Taschen greifen müssen. Allerdings halte ich den Konsens gegen Quälerei in der Massentierhaltung für stark genug. Die Politik
kann den Menschen also durchaus mehr zumuten. Echte Änderungen scheitern eher an der Landwirtschafts- und Industrielobby. Beispielsweise stellen nur acht Firmen den größten Teil unserer
Lebensmittel her - mit entsprechender Marktmacht. Viele Politiker haben Angst davor, unliebsame Entscheidungen zu treffen. Sie gehen davon aus, an Zustimmung zu verlieren, wenn sie zur
Einschränkung des Fleischkonsums aufrufen oder Fleisch teurer wird.
Wenn die Politik die Produktionsbedingungen nicht neu regelt, ist der Verbraucher gefragt.
Aber es kann nicht allein Aufgabe des Konsumenten sein, die Nahrungsmittelproduktion zu beeinflussen. Die staatliche Kontrolle muss stattfinden, bevor die Produkte im Supermarkt landen. Die
Politiker haben den Auftrag, die Interessen der Bevölkerung durchzusetzen. Und in Deutschland liegt es im Interesse der Bevölkerung, dass keine Tiere gequält werden. Die Politik ist gefordert.
Schließlich handelt es sich um eine der großen ethischen Fragen dieser Zeit: Wie gehen wir mit den Tieren in unserer Obhut um?
Sie haben sich dennoch für den Weg der Selbstverantwortung entschieden und leben fleischlos.
Solange die Politik nichts tut, kommen die Verbraucher leider nicht darum herum, selbst Verantwortung zu übernehmen. Für den Einzelnen ist das ziemlich aufwändig. Wer weiß schon, welche Form von Tierhaltung überhaupt artgerecht ist. Wie viel Platz benötigt ein Schwein? Welche Folgen haben die verschiedenen Haltungs- und Produktionsformen etwa für die Regenwälder, die Umweltverschmutzung und unser Klima? Und dann soll der Verbraucher im Supermarkt auch noch die verschiedenen Gütesiegel auf den Produktpackungen richtig zu deuten wissen. Das alles überfordert die Leute, deshalb ist die Politik gefragt. Man muss sich darauf verlassen können, dass bei uns nur Nahrungsmittel in den Supermarkt kommen, die nicht gesundheitsschädlich sind und die uns nicht zu Mittätern machen.
Das vollständige Interview mit Karen Duve finden Sie unter
www.b-republik.de/aktuelle-ausgabe/die-politik-ist-gefordert
Der Beitrag erschein im Debattenmagazin
Berliner Republik, Ausgabe 2/11. Mehr Infos unter:
www.b-republik.de
Karen Duve: Anständig essen
Ein Selbstversuch
Verlag Galiani Berlin, gebunden mit Schutzumschlag
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