Ein Torbogen und ein weißes Polizeigebäude, heute überwiegend verweist, erinnern den Besucher an den Status dieser Hafenmetropole als ehemals geschlossene Stadt auf dem Territorium der damaligen UdSSR. Als Stützpunkt der sowjetischen Schwarzmeerflotte war Sewastopol über Jahrzehnte für Besucher gesperrt. Selbst die Bewohner der Krim benötigten eine spezielle Genehmigung für den Besuch in der "Verbotenen Stadt".
Stadt der Superlative
Die Ausläufer des Krimgebirges reichen fast bis an das riesige Stadtgebiet, das sich über 38 Buchten erstreckt und in seiner Ausdehnung die Flächen von New York City und Shanghai erreicht -
bei nur knapp 400.000 Einwohnern. Sewastopol liegt geographisch auf der Krim, gehört aber administrativ nicht zur gleichnamigen autonomem Republik, sondern wird direkt von Kiew verwaltet.
Der Bus rollt langsam die Hügel hinunter, die das Stadtgebiet malerisch durchziehen. Das Klima in diesem südwestlichstem Zipfel der Krim ist schon nahezu subtropisch, Sewastopol liegt auf dem
gleichen Breitengrad wie Bologna. In den ausufernden Vororten herrscht eine rege, teilweise chaotische Bautätigkeit. Eigenheime schießen wie Pilze aus dem Boden, Ausdruck für das demographische
Wachstum der Stadt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden auf der Krim und in der Ukraine.
In der Lobby des Hotels BestWestern herrscht reges Trieben. Die Besucher stammen überwiegend aus Russland, der Ukraine und anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion - angezogen vom Mythos
Sewastopol. Westliche Touristen sind die Ausnahme. Das Hotel, im Stadtzentrum gelegen, befindet sich in einem neoklassizistischem Gebäude, das 1952 im Zuge des Wiederaufbaus errichtet wurde.
"Der Wiederaufbau wird wohl 50 Jahre dauern!", soll Winston Churchill geschockt geäußert haben als er 1945 nach der Konferenz von Jalta einen Abstecher in die im Zweiten Weltkrieg total zerstörte Stadt machte, welche Adolf Hitler in Theodorichshafen umtaufen wollte. Josef Stalin wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Kurzerhand wurde Sewastopol zur Heldenstadt erklärt, der Wiederaufbau mit Hilfe von Zwangsarbeitern beschleunigt.
..mit hohem Konfliktpotential
Das Strassenbild wird von Matrosen und Marineoffizieren geprägt, sowohl der russischen als auch der ukrainischen Schwarzmeerflotte. Junge Frauen in kurzen Röcken, nicht selten als
platinblonde Sexbomben stilisiert, stöckeln auf hochhakigen Schuhen durch die Straßen. Liebespaare umarmen sich auf den Bänken. Diese euphorische Stimmung spiegelt eine Sorglosigkeit vor, die dem
Konfliktpotential um Sewastopol in keiner Weise entspricht.
Noch vor drei Jahren war die Stimmung hochexplosiv. Damals, auf dem Höhepunkt des Krieges zwischen Russland und Georgien, war die hier stationierte Schwarzmeerflotte Russlands an
militärischen Aktionen gegen den Kaukasus-Staat involviert. Die Regierung in Kiew befand sich damals in der prekären Situation, dass von ihrem Territorium aus kriegerische Aktionen gegen das
befreundete Georgien stattfanden. Die fünfte Flotte der USA kreuzte drohend vor Sewastopol.
Der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko, Held der inzwischen verblühten "Orangenen Revolution", hatte im Zusammenhang mit der russischen Schwarzmeerflotte noch von einer feindlichen Präsenz auf ukrainischem Territorium gesprochen. An diese Zeit möchte Igor Loktionov, stellvertretender Chef der Verwaltung von Sewastopol, nicht mehr gerne erinnert werden. Lieber schwärmt er von der Schönheit der Frauen seiner Stadt.
Prorussische Einstellung statt Orangene Revolution
Der joviale Mann macht aus seiner prorussischen Einstellung keinen Hehl. Stolz verweist er auf die Verlängerung des Vertrags für die russische Schwarzmeerflotte, auf die sich die neue
Regierung in Kiew mit Moskau geeinigt hat. "Russland wird über 2017 hinaus den Marinestützpunkt Sewastopol nutzen, zahlt dafür eine Pacht an Kiew. Außerdem erhält die Ukraine weiterhin Erdgas aus
Russland zu Vorzugsbedingungen!", fügt er selbstbewußt hinzu.
An die direkte Einflussnahme Moskaus auf die Geschicke seiner Stadt, an die Instrumentalisierung von Konflikten geht er dabei nicht ein. Stattdessen stützt sich Loktionov auf die prorussische
Einstellung viele Bewohner. So ergaben Umfragen aus dem Jahr 2007, das über 60 Prozent der Krim-Einwohner ihre Identität als russisch, oder gar sowjetisch bezeichnen.
"Inwieweit solche Umfragen allerdings für politische Schlussfolgerungen geeignet sind, beibt fraglich", gibt Olga Nekrassowa zu Bedenken. Die sympathische Mitvierzigerin ist ethnische
Russin und lebt seit 1976 in Sewastopol. Ursprünglich stammt sie aus dem zentralrussischen Orjol. "Ich wünsche mir die Sowjetunion nicht zurück, zu viel Schreckliches ist passiert, doch die
heutige Demokratie, wie sie hier praktiziert wird, ist nicht ideal!", sagt die gelernte Übersetzerin, die heute ihr Einkommen mit Stadtrundgängen für Touristen aufbessert.
Olga Nekrassowa ist schockiert über die grassierende Korruption. Bei einem Bummel am Hafen berichtet sie von ihrer Nichte, die kürzlich im Alter von vierzig Jahren verstorben ist aufgrund
einer ärztlichen Fehldiagnose. "Das Gesundheitswesen liegt am Boden, die Ärzte machen die Qualität ihrer Behandlungsmethoden von der Zahlungsfähigkeit der Patienten abhängig. Es ist eine
Schande!" Frau Nekrassowa wünscht sich allerdings keinen Anschluss Sewastopols an Russland. "Ich liebe diese Stadt, fühle mich eher als Bewohnerin Sewastopols als als Russin. Wissen Sie, die Krim
verdaut jeden Neuankömmling!", fügt sie lachend hinzu.
Die Q-Bar, Sewastopols Place to be, liegt bezeichnender Weise in der Lenin-Strasse, nur ein paar Gehminuten vom Lenin-Denkmal entfernt, von wo der Gründer der Sowjetunion mit düsterem Blick
auf das Scheitern seiner abstrusen politischen Experimente schaut. Auch tagsüber ist die Gaststätte gut besucht, hier pulsiert das Leben rund um die Uhr.
Bionade und Latte Macchiato
Aus den Boxen tönen russische, türkische und englische Pop-Schnulzen, die Gäste gehören zur hippen Jugend der Stadt. "Sowjetnostalgie ist etwas für Rentner!" erklärt die Geschäfstführerin,
eine attraktive Brünette von Mitte zwanzig, die ihren Namen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte. "Russen, Ukrainer, Krimtataren, Armenier: die Krim war doch schon immer Sammelpunkt der
Völker", erklärt sie, während sie den Kellnern mit den modischen Haarschnitten Anweisungen gibt.
Ihr Blick streift durch die Bar. Die Gäste unterhalten sich angeregt, trinken Bionade und Latte Machiato, sitzen vor aufgeklappten Laptops, überwinden per Mausklick die geopolitischen Grenzen
ihrer Heimatstadt. "Und in Istanbul", ergänzt sie beim Hinweis, dass dieses Ambiente auch in Berlin, London oder New York City vorzufinden sei: "Istanbul ist für uns die nächstgelegene Weltstadt,
die von hier aus westlich liegt!"
"Wenn Sie über Sewastopol schreiben", sagt ein Stammgast von der Bar, "dann erwähnen sie das ganze Gesocks nicht. Hier wohnen genügend anständige Leute, denen es auf die Nerven geht, wenn
ihre Stadt wegen der Fanatiker immer so negativ dargestellt wird. Wir jungen Leute sind binational eingestellt, schauen vorwärts, nicht rückwärts."
Draußen im Hafenbecken an der Ehrensäule der russischen Flotte, neigt sich der Tag langsam dem Ende entgegen. Olga Nekrossowa, die Übersetzerin und Stadtführerin sitzt auf einer Bank,
genießt die frische Brise und den Sonnenuntergang. Das Schwarze Meer wird seinem Namen nicht gerecht, schimmert türkisfarben in der Dämmerung. "Diese Aussicht auf die Hügel und die Lichter am
Hafen. Das muss man doch einfach lieben. Das ist der Mythos von Sewastopol!", sagt sie leise während die Sonne im Meer versinkt.







