In Deutschland leben zu Zeit rund 2,5 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Ein Drittel von ihnen hat den Lebensmittelpunkt in Nordrhein-Westfalen (NRW). Dennoch unterhalten gerade einmal 16 NRW-Städte eine Partnerschaft mit der Türkei. Seit Ende April gehört mit Kamp-Lintfort eine weitere Kommune dazu, deren Bevölkerungsstruktur wiederum von starken Migrationsströmen aus der Türkei geprägt ist. Rund 5,9 Prozent der Einwohner des niederrheinischen Städtchens am westlichen Rande des Ruhrgebiets haben ihre Wurzeln in dem Land am Bosporus. Grund genug für die SPD-geführte Verwaltungsspitze und den Stadtrat, einen Austausch mit der Edremit zu initiieren.
Partnerstadt Edremit
Die Stadt liegt in der Westtürkei an der Ägäis, rund 230 Kilometer nördlich von Izmir. Die Kommune hat einschließlich der Vororte 116.000 Einwohner. Haupterwerbszweige sind Olivenanbau und -verarbeitung sowie der Inlandstourismus. Bekannt ist die Region auch für ihre historischen Stätten, insbesondere im Norden Cannakkale, das frühere Troja, und im Süden Bergama, früher Pergamon. Der sogenannte "Pergamonaltar" ist Hauptbestandteil der Ausstellung antiker Kunst im Neuen Museum in Berlin. Viele weitere Zeugen der römischen Vergangenheit sind vor Ort in Pergamon zu sehen.
Gespräche mit der Schwesterpartei
Derart positiv eingestimmt reiste Ende April eine Delegation aus Deutschland in die Türkei. An der Spitze Bürgermeister Dr. Christoph Landscheidt (SPD), der die Partnerschaftsurkunde unterschrieb und damit den Startschuss für den künftigen Austausch zwischen den beiden Städten gab. Die ebenfalls angereisten Vertreter der SPD-Stadtratsfraktion nutzten die Gelegenheit, um mit Mitgliedern der türkischen Schwesterpartei CHP ins Gespräch zu kommen. Spontan wurden der Fraktionsvorsitzende Heinz-Günter Schmitz, Parteivorsitzender René Schneider und der Landtagsabgeordnete Wolfgang Roth ins örtliche Parteihaus eingeladen. Bei einem Glas Tee und den üblichen süßen Köstlichkeiten kam man darüber ins Gespräch, wie ein Austausch in Zukunft vonstatten gehen könne. Größtes Problem: Die meisten Einwohner sprechen außer Türkisch keine weitere Sprache. Insofern war man auch bei dem Besuch in Edremit auf Dolmetscher angewiesen. So umschiffte unter anderem der Genosse Ali Onat, der ebenfalls mitgereist war, geschickt alle Sprachbarrieren.
Die vermeintliche Hürde könnte sich jedoch vor allem bei der ebenfalls während des Besuchs geschlossenen Schulpartnerschaft zwischen der deutschen Hauptschule Diesterweg und der türkischen Karagözoglu-Schule als Vorteil erweisen. Denn bei künftigen Treffen werden sich vor allem die zweisprachig aufgewachsenen Kinder als wahre Experten erweisen - ein positives Bildungserlebnis, das hoffentlich für den weiteren Schulweg motiviert.
Tourismus und Export
Necmi Dönmez, Vorsitzender der CHP in Edremit, berichtete gemeinsam mit den sozialdemokratischen Stadtratsmitgliedern von dem Bestreben, Edremit noch besser als Touristenziel zu positionieren. Derzeit sind es vor allem inländische Gäste, die entlang der Strände und im angrenzenden Ida-Gebirge Urlaub machen. Dabei biete die Region auch internationalen Touristen eine ganze Menge. Neben sprachlichen Barrieren bei der Kommunikation ist es aber auch die beschwerliche Anreise von einem der beiden internationalen Flughäfen Istanbul oder Izmir nach Edremit, die eine Belebung schwierig machen. Mittlerweile verfügt Kamp-Lintforts Partnerstadt zwar über eine Landebahn, von hier starten und landen jedoch nur seltene Inlandsflüge.
Darüber hinaus machen den türkischen Olivenbauern die Zollbestimmungen der EU zu schaffen, die einen rentierlichen Export von qualitativ hochwertigem Öl in die Europäische Union und nach Deutschland praktisch unmöglich machen. Hier versprachen die Sozialdemokraten aus Deutschland, sich für eine Lockerung einzusetzen. Einen kleinen ersten Schritt will man nun gehen, indem kleinere Lieferungen von Edremit nach Kamp-Lintfort geschickt werden, um dort mit Hinweis auf die neue Partnerstadt verkauft zu werden. Denn auch die Liebe zu einer neuen Partnerstadt geht immer noch zuallererst durch den Magen.







