Mit "Hohn" sei Brandts Vision von vielen 1961 kommentiert worden, auch in der eigenen Partei, der SPD, weiß Hannelore Kraft, die 1961 Geborene. In ihrer Kindheit habe sie von den Mülheimer Höhen täglich auf die Dunstglocke sehen können, die über dem Ruhrgebiet hing. Wäsche habe man nie allzulange auf der Leine lassen dürfen, sonst wäre sie rußig geworden, erinnert sich die NRW-Ministerpräsidentin. Man habe das damals für "normal" gehalten: "Da hat man sich mit arrangiert."
"Man", aber eben nicht Willy Brandt, damals erstmals Kanzlerkandidat der SPD. Als Kanzler setzte er zwei Wahlkämpfe später erstmals Umweltpolitik auf die Tagesordnung des Kabinetts. 1974 wurde das Umweltbundesamt geschaffen.
Hannelore Kraft nannte Brandts legendäres Wahlversprechen den "Beginn einer vorausschauenden Umweltpolitik" - lange bevor der Club of Rome seinen ebenfalls inzwischen legendären Bericht zu den "Grenzen des Wachstums" vorlegte.
In NRW, auch daran erinnerte Hannelore Kraft, setzte die Regierung Johannes Rau nach der Luftreinhaltung mit der Internationalen Bauausstellung Emscherpark die Rekultivierung der größten Kloake Europas auf die Tagesordnung, der Emscher. Professor Franz Josef Brüggemeier, heute Historiker im malerischen Freiburg, aber aufgewachsen in Bottrop-Ebel, weiß noch, was er glaubte, als Rau ankündigte, die Emscher solle wieder als sauberer Fluss durch eine industrielle Parklandschaft fließen: "Das wird nie was."
2011 entsteht mitten in Dortmund ein See, wo einst ein Stahlwerk stand. Das Emschertal, so Kraft, verwandelte sich unter unseren Augen vom "schäbigen Hinterhof zum attraktiven Vorgarten" des Ruhrgebiets. Auch daran könne man sehen, wie falsch es wäre, "eine politische Ohnmacht quasi zu pflegen."
"Wir sind tatkräftiger, als wir es zuweilen selbst eingestehen," machte Kraft Mut zu Visionen. "Bremser wird es immer geben," aber davon dürfe man sich nicht beirren lassen.
Ihre Vision sei neben der ökologischen Revolution, die von "NRW mit ausgehen kann und wird", eine solidarische Gesellschaft, in der es heißt: "Wir brauchen alle. Alle bleiben zusammen. Niemand bleibt zurück." Das sei der nordrhein-westfälische Weg. Oder auch der sozialdemokratische. Hannelore Kraft ist schließlich auch stellvertretende Vorsitzende der Bundespartei.
Niemand widersprach, weder im vielhundertköpfigen Publikum, noch auf dem Podium. Der Vorstandsvorsitzende der Evonik Industries, Klaus Engel, ermunterte NRW und das Ruhrgebiet ausdrücklich, Vorreiter der Energiewende zu sein und "Leuchttürme" zu setzen: "Die Zukunft gehört den regenerativen Energien."
Reiner Hoffmann, Bezirksleiter Nordrhein der IGBCE, versicherte: "Uns geht es um Nachhaltigkeit, nicht um Arbeit um jeden Preis." Beide waren sich einig, die Politik müsse sich um ein "magisches Dreieck" bemühen, bestehend aus Wirtschaftskraft, Ökologie und sozialer Verantwortung.
Willy Brandt hätte wohl seine Freude gehabt an soviel Mut zu Visionen und Tatkraft. 1961, das belegen seine von der Friedrich-Ebert-Stiftung verwahrten Notizen, haben ihn die oft spöttischen Reaktionen auf seine in Bonn gehaltene Rede sehr verletzt.
Übrigens ging es bei der Essener Diskussion um die Suche nach einem "Weg vom blauen Himmel über der Ruhr zum Blauen Planeten." Und Hannelore Kraft - sie hatte gerade eine Schaltkonferenz des SPD-Präsidiums hinter sich - ernannte Sigmar Gabriel en passant zum ehemaligen Bundes-"Umwälzminister".







